XRP hat den Hebel-Überschuss aus dem Markt gespült. Nach dem Ausverkauf Ende Juni ist die Lage zwar stabiler, doch für eine nachhaltige Erholung reicht das allein nicht. Jetzt muss sich zeigen, ob echte Nachfrage nachrückt – vor allem über Spot-Käufe und ETF-Zuflüsse.
XRP ist nach dem Juni-Schock bereinigt, aber noch nicht über den Berg
Der starke Rücksetzer Ende Juni hat eine wichtige Schwachstelle beseitigt: zu viele gehebelte Positionen im Futures-Markt. Genau solche überfüllten Trades können bei schnellen Kursbewegungen Kettenreaktionen auslösen, wenn Long-Positionen liquidiert werden und dadurch noch mehr Verkaufsdruck entsteht.
Diese Gefahr ist bei XRP zuletzt deutlich kleiner geworden. Der Token fiel in der Stressphase bis auf etwa 1,02 US-Dollar, während Long-Liquidationen anzogen, die Futures-Aktivität zurückging und Anleger so hohe realisierte Verluste hinnehmen mussten wie seit 2022 nicht mehr.
Inzwischen hat sich XRP etwas erholt und notiert wieder bei rund 1,08 US-Dollar. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Markt nach dem Abverkauf zunächst wieder Luft bekommt. Doch eine technische Entspannung ist noch kein Beweis für neue Stärke. Ein Markt kann sich kurzfristig stabilisieren, wenn Verkäufer erschöpft sind. Für einen längeren Anstieg braucht es aber Käufer, die konsequent neues Kapital in den Markt bringen.
Die Daten von CoinGlass zeigen weiterhin ein gemischtes Bild. Das 24-Stunden-Spotvolumen lag zuletzt bei rund 402 Millionen US-Dollar, während das Futures-Volumen mit etwa 2,25 Milliarden US-Dollar deutlich höher ausfiel. Das offene Interesse lag bei rund 2,35 Milliarden US-Dollar, die Liquidationen im Tagesvergleich bei etwa 8,3 Millionen US-Dollar.
Das bedeutet: Die Marktstruktur ist sauberer als noch im Juni, aber Derivate bestimmen den Handel weiterhin stärker als der klassische Kassamarkt. Genau hier liegt der Knackpunkt für die weitere Entwicklung.
Weniger Hebel senkt das Risiko – doch ohne neue Käufer fehlt der Motor
Das offene Interesse im Futures-Markt ist ein wichtiger Gradmesser, weil es zeigt, wie viele Kontrakte noch aktiv sind und wie viel Hebel damit potenziell auf die nächste Kursbewegung trifft. Wenn dieses offene Interesse sinkt, kann das auf Liquidationen, freiwillige Positionsschließungen oder allgemein sinkende Risikobereitschaft hindeuten.
Für XRP hat dieser Rückgang zwei Seiten. Positiv ist, dass weniger überfüllte Positionen auch weniger Gefahr für neue Liquidationswellen bedeuten. Der Markt ist damit weniger fragil als noch vor wenigen Wochen. Eine Erholung von einer niedrigeren spekulativen Basis gilt grundsätzlich als gesünder.
Die negative Lesart ist allerdings ebenfalls wichtig: Wenn Trader ihre Positionen abbauen, weil ihnen die Überzeugung fehlt, dann entsteht die Erholung nur deshalb, weil der Verkaufsdruck kurz nachlässt – nicht weil echte Nachfrage zurückkommt.
Genau deshalb richtet sich der Blick jetzt auf Spot-Käufer und ETF-Anleger. Solange Futures den sichtbaren Handel klar dominieren, bleibt das Risiko bestehen, dass eine neue Aufwärtsbewegung wieder vor allem vom Hebelmarkt getrieben wird. Sollte das offene Interesse zu schnell erneut steigen, könnte sich die gleiche Instabilität wieder aufbauen, die den Markt zuvor belastet hat.
Für eine robustere Rally wäre deshalb ein anderes Muster gesünder: Der Kurs hält sich, während das Spotvolumen zulegt und das offene Interesse nur moderat wächst. Dann würde XRP weniger von spekulativen Wetten und stärker von echter Nachfrage getragen.
ETF-Zuflüsse sind ein positives Signal – aber bisher noch zu klein
Ein Hoffnungspunkt für XRP ist das Interesse an regulierten Anlageprodukten. Gerade ETFs gelten als potenziell stabilere Nachfragequelle, weil sie nicht auf kurzfristigen, gehebelten Spekulationen beruhen, sondern auf Kapital, das über klassische Broker- und Verwahrstrukturen in den Markt kommt.
Zwischen dem 22. und 26. Juni verzeichneten US-Spot-Bitcoin-ETFs Abflüsse von rund 1,79 Milliarden US-Dollar, während Ethereum-ETFs etwa 273,5 Millionen US-Dollar verloren. XRP-Spot-ETFs konnten im gleichen Zeitraum dagegen Zuflüsse von 22,99 Millionen US-Dollar verbuchen.
Auch andere Flussdaten zeigen ein ähnliches Bild: Während aus digitalen Anlageprodukten insgesamt Kapital abgezogen wurde, gehörte XRP zu den wenigen Altcoins mit nennenswert positiven Zuflüssen. Das ist richtungstechnisch klar positiv, weil es zeigt, dass Anleger XRP selektiv kaufen, obwohl das allgemeine Marktumfeld eher defensiv bleibt.
Allerdings ist die Größenordnung noch das Problem. XRP-Zuflüsse von rund 20 bis 23 Millionen US-Dollar wirken konstruktiv, stehen aber immer noch einer sehr viel größeren Kapitalbewegung bei Bitcoin und Ethereum gegenüber. Von einer breiten Umschichtung in XRP kann daher noch keine Rede sein.
Wichtig ist außerdem der Unterschied zwischen verwaltetem Vermögen und tatsächlichen Neuzuflüssen. Steigende ETF-Bestände sehen zwar gut aus, sagen aber nicht automatisch aus, dass dafür auch frisch XRP gekauft wurde. Wirklich aussagekräftig sind vor allem Netto-Neuschöpfungen von ETF-Anteilen, weil sie anzeigen, dass zusätzliche XRP-Bestände in die Fonds wandern mussten.
Für die nächsten Wochen sind daher vor allem vier Punkte entscheidend: Erstens sollte das offene Interesse nicht wieder zu schnell anspringen. Zweitens müsste das Spotvolumen im Verhältnis zu den Futures zulegen. Drittens wären anhaltend positive ETF-Zuflüsse auch an schwachen Markttagen ein starkes Signal. Viertens sollten Verwahrbestände der ETFs weiter wachsen, damit sichtbar wird, dass echte XRP-Nachfrage aufgebaut wird.
Unterm Strich ist XRP heute besser aufgestellt als während des Juni-Ausverkaufs. Die übermäßige Hebelwirkung wurde abgebaut, und damit ist eine wichtige Quelle für Marktstress verschwunden. Doch der nächste Schritt ist schwieriger: Jetzt muss bewiesen werden, dass ETF-Käufer und Spot-Investoren stark genug sind, den Markt auch ohne neue Spekulationswelle weiterzutragen.
Solange diese Bestätigung fehlt, bleibt die Erholung zwar möglich, aber noch nicht vollständig überzeugend. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wer verkaufen musste – sondern wer jetzt wirklich kaufen will.