Unternehmensbestände an Bitcoin wirken oft wie langfristige Reserven. Tatsächlich hängen viele dieser Bestände aber an Schulden, Vorzugsaktien und Kreditlinien. Genau diese Verpflichtungen können Firmen dazu zwingen, Bitcoin zu verkaufen – nicht weil sie ihre Überzeugung verlieren, sondern weil Fälligkeiten, Dividenden oder Sicherheiten bedient werden müssen. Damit wächst das Risiko, dass in den kommenden Jahren Milliardenwerte an BTC wieder auf den Markt kommen.
Warum Firmen-Bitcoin nicht immer frei verfügbar ist
Sobald Bitcoin in der Bilanz eines börsennotierten Unternehmens liegt, ist er oft nicht einfach nur eine stille Reserve. Über den Coins stehen meist andere Ansprüche: Gläubiger wollen Rückzahlung, Inhaber von Vorzugsaktien erwarten Ausschüttungen, Kreditgeber halten besicherte BTC, Aktionäre fordern Rückkäufe, und das operative Geschäft braucht Liquidität.
Der entscheidende Punkt: Diese Verpflichtungen haben feste Termine. Läuft eine Wandelanleihe aus, steigt der Druck auf eine Refinanzierung. Werden Dividenden auf Vorzugsaktien fällig, braucht das Unternehmen Bargeld. Sind Bitcoin als Sicherheit hinterlegt und fallen Kurse oder Beleihungswerte, kann zusätzlicher Verkaufsdruck entstehen.
Damit wird Bitcoin in Unternehmensbilanzen in vielen Fällen nicht nur zum Reservewert, sondern auch zu einem Liquiditätsinstrument. Wenn anderes Kapital teuer oder gar nicht mehr verfügbar ist, wird ein Verkauf von BTC oft zur naheliegenden Lösung.
Ein Beispiel dafür ist Bitdeer. Das Unternehmen hatte seine Bitcoin-Reserve bereits im Februar vollständig geleert, um den Strategiewechsel hin zu KI-Rechenzentren zu finanzieren. Später wurde bestätigt, dass der Bestand nach Verkäufen neu geschürfter BTC und Entnahmen aus den Reserven auf null gefallen war.
Strategy, MARA und andere: So entsteht der Verkaufsdruck
Besonders aufmerksam beobachtet der Markt Strategy. Das Unternehmen hält nach eigenen Angaben 843.738 BTC. Gleichzeitig stehen dem Bestand aber auch erhebliche Verpflichtungen gegenüber: rund 6,7 Milliarden Dollar in Wandelanleihen, 15,5 Milliarden Dollar in Vorzugsaktien sowie eine Cash-Reserve von 871 Millionen Dollar.
Brisant wurde die Lage bei der variabel verzinsten Vorzugsaktie STRC. Als der Bitcoin-Kurs deutlich nachgab, fiel auch STRC unter den Ausgabepreis. Strategy verkaufte daraufhin Ende Mai 32 BTC für rund 2,5 Millionen Dollar, um Ausschüttungen zu finanzieren. Es war der erste Bitcoin-Verkauf des Unternehmens seit Beginn seiner Akkumulationsstrategie.
Später führte Strategy einen neuen Finanzierungsrahmen ein. Dieser erhöhte die STRC-Dividende auf 12 Prozent und enthält zusätzlich einen Mechanismus, bei dem die Verzinsung weiter steigt, wenn die Aktie unter bestimmte Kursmarken fällt. Gleichzeitig erlaubte sich das Unternehmen offiziell, Bitcoin zu verkaufen, um Cash-Reserven, Dividenden, Zinsen und Rückkäufe eigener Wertpapiere zu finanzieren.
Damit wurde klar: Selbst bei einem der bekanntesten Bitcoin-Treasury-Unternehmen der Welt ist ein Verkauf von BTC inzwischen Teil des Werkzeugkastens der Finanzsteuerung.
Auch andere Firmen zeigen, wie diese Mechanik funktioniert. MARA verkaufte im März 15.133 BTC, um Wandelanleihen im Volumen von etwa 1 Milliarde Dollar zurückzukaufen. Im Quartalsbericht hieß es zudem, dass das Unternehmen im ersten Quartal insgesamt rund 20.880 BTC verkauft hatte. Zusätzlich waren fast 10.000 BTC verliehen oder als Sicherheit verpfändet.
Bei KULR sieht man das gleiche Muster in kleinerem Maßstab: Das Unternehmen hinterlegte 300 BTC als Sicherheit für einen 15-Millionen-Dollar-Kredit. Solche Konstruktionen zeigen, dass ein Teil vieler Unternehmensbestände wirtschaftlich bereits gebunden ist.
Das bisherige Modell funktionierte vor allem dann gut, wenn drei Bedingungen zusammenkamen: steigende Bitcoin-Preise, Aktienkurse über dem Nettoinventarwert und offene Kapitalmärkte. Dann konnten Unternehmen neue Aktien, Vorzugsaktien oder Wandelanleihen ausgeben und mit dem frischen Kapital weitere Bitcoin kaufen.
Fallen Aktienkurse jedoch unter den inneren Wert, wird die Ausgabe neuer Aktien unattraktiv, weil sie bestehende Aktionäre verwässert. Gleichzeitig werden neue Finanzierungen teurer oder schwieriger. Dann kann sich das Modell umkehren: Bitcoin wird verkauft, um Schulden, Dividenden oder Rückkäufe zu finanzieren.
Was in den nächsten Jahren auf den Markt kommen könnte
In der Branche haben sich inzwischen Milliarden an Schulden und Vorzugsfinanzierungen angesammelt. Viele Fälligkeiten liegen in den Jahren 2027 und 2028. Deshalb richtet sich der Blick nun stark auf den Kalender: Nicht nur der Bitcoin-Kurs zählt, sondern auch die Frage, wann welche Verpflichtung bedient werden muss.
Im positiven Szenario könnten sich die Kapitalmärkte wieder öffnen, die Aufschläge auf den Nettoinventarwert zurückkehren und neue Finanzierungen wieder leichter platziert werden. Dann müssten Unternehmen ihre Kernbestände kaum antasten. Der zusätzliche Verkaufsdruck bliebe laut den Schätzungen bei nur 0,5 bis 1 Prozent der heute von börsennotierten Firmen gehaltenen 1,285 Millionen BTC. Das entspräche etwa 6.400 bis 12.900 BTC in den nächsten zwei Jahren.
In einem mittleren Szenario, bei seitwärts laufendem Bitcoin und weiter verfügbarem, aber teurem Kapital, könnten Unternehmen selektiv BTC verkaufen, um Reserven, Dividenden oder Rückkäufe zu finanzieren. Dann läge das potenzielle Zusatzangebot bei etwa 25.700 bis 51.400 BTC.
Im negativen Szenario wird es deutlich ernster: Wenn Bitcoin schwächer notiert, Aktienabschläge bestehen bleiben und Wandelanleihen nicht mehr attraktiv refinanziert werden können, könnte der Verkaufsdruck auf 77.100 bis 128.500 BTC steigen. Dann würden Verkäufe nicht mehr taktisch erfolgen, sondern nach einem festen Zeitplan aus Fälligkeiten, Ausschüttungen und Sicherheiten.
Im Extremfall, falls ein großes Treasury-Unternehmen den Zugang zur Refinanzierung verliert, könnten sogar mehr als 192.800 BTC unter Druck geraten. Dann würde der Markt Firmenbestände nicht länger nur als strategische Reserve sehen, sondern als potenziell verfügbares Angebot mit Verfallsdatum.
Für Investoren wird daher eine Kennzahl immer wichtiger: Wie viel Bitcoin eines Unternehmens ist wirklich frei von Schulden, Dividendenansprüchen und Sicherungsrechten? Genau diese Antwort dürfte darüber entscheiden, welcher Teil der Firmenbestände langfristige Reserve bleibt – und welcher Teil am Ende doch als Verkaufsmasse auf den Markt zurückkehrt.