Evernorth widerspricht der Sorge vieler XRP-Fans: Ripples neuer Dollar-Stablecoin RLUSD sei kein „XRP-Killer“. Laut Evernorth-Manager Sagar Shah erfüllen RLUSD und XRP auf dem XRP Ledger zwei unterschiedliche Aufgaben. Während RLUSD den digitalen Dollar abbilden soll, bleibt XRP aus seiner Sicht das neutrale „Zwischenstück“, das Trades zwischen sehr verschiedenen Assets erst möglich macht.
RLUSD ist der digitale Dollar, XRP ist die Brücke
In einem Blogbeitrag vom 20. Mai erklärt Shah die Rollenverteilung recht anschaulich: RLUSD ist als Stablecoin darauf ausgelegt, stabil bei 1 US-Dollar zu liegen und durch Reserven gedeckt zu sein. Das ist praktisch, wenn jemand explizit „Dollar“ auf der Blockchain halten oder nutzen will.
XRP soll dagegen als Routing-Asset dienen, also als neutraler Vermittler zwischen Märkten. Shah vergleicht das mit dem Pausenhof: Wenn viele Kinder viele verschiedene Snacks tauschen wollen, wird es irgendwann unwahrscheinlich, dass zwei Kinder genau das haben und wollen, was der andere sucht. Dann braucht es jemanden, der dazwischensteht und den Tausch einfacher macht. Auf dem XRP Ledger übernimmt XRP genau diese Mittlerrolle, so Shah.
Für Nutzer sieht das oft gar nicht kompliziert aus. Ein Tausch kann wirken wie: „tokenisierte US-Staatsanleihe rein, Euro-Stablecoin raus“. Im Hintergrund kann der schnellste Weg aber über XRP laufen, also: Staatsanleihe zu XRP zu Euro-Stablecoin. Der XRP-Schritt ist dabei für viele Trader unsichtbar, weil die Technik im Hintergrund die Route findet.
Drei Gründe, warum RLUSD XRP nicht ersetzen soll
Shah nennt drei Punkte, die aus Evernorth-Sicht gegen RLUSD als „universelle Brücke“ sprechen.
1) Emittentenrisiko: RLUSD existiert nur, weil ein Unternehmen den Token ausgibt und Reserven verwaltet. Das ist bei Stablecoins normal, wird aber zum Problem, wenn ausgerechnet dieser Token der Pflicht-Zwischenstopp für fast alle Trades wäre. Schwierigkeiten mit Banken, Lizenzen, Gerichten oder Regulierung könnten dann das gesamte Routing treffen. Shah betont, das sei ein generelles Stablecoin-Thema und kein Angriff auf einen speziellen Anbieter.
2) Fehlende Neutralität: Regulierte Stablecoins müssen Sanktionen, Sperrlisten oder regionale Vorgaben umsetzen. Für einen digitalen Dollar ist das aus Sicht vieler Marktteilnehmer nachvollziehbar. Für eine globale, offene Handelsinfrastruktur kann es aber hinderlich sein, wenn ein „Router-Token“ je nach Regeln und Zuständigkeiten bestimmte Nutzer oder Transaktionen einschränken kann. XRP sei im aktuellen Protokoll-Design nicht von einer einzelnen Stelle einfrierbar, argumentiert Shah. Genau das mache es als Brücken-Asset interessant.
3) Marktstruktur und Liquidität: In AMMs und Liquiditätspools handeln immer zwei Assets gegeneinander. Natürlich kann es Pools RLUSD gegen Euro-Stablecoins oder gegen tokenisierte Staatsanleihen geben. Die größere Frage ist laut Evernorth aber: Welches Asset wird zur häufigsten „Zwischenwährung“, wenn es Hunderte tokenisierte Werte gibt? Denn nicht jede Kombination kann einen eigenen, tiefen Pool haben. Dafür reicht Kapital und Market-Maker-Aufmerksamkeit nicht. In so einem Umfeld würden sich einige wenige Brücken-Assets durchsetzen, und Evernorth sieht XRP hier vorne, unter anderem wegen bestehender Liquidität und weil das Pathfinding auf dem XRPL häufig über XRP routet.
Wozu XRP außerdem genutzt wird: Collateral und Escrow
Evernorth beschränkt die Argumentation nicht nur auf Trading. Shah verweist auch auf On-Chain-Kredite: XRP könne als Sicherheit dienen, weil es liquide sei, breit akzeptiert werde und kein Emittent während der Kreditlaufzeit in das Asset eingreifen könne. Zusätzlich nennt er Escrow-Funktionen, bei denen XRP zeit- oder bedingungsgebunden gesperrt und später automatisch freigegeben werden kann, geregelt direkt durch den Ledger.
Unterm Strich lautet die These von Evernorth: Wenn On-Chain-Finance wächst, braucht das System beides, einen „Dollar-Bein“ für viele Anwendungsfälle und ein neutrales „Routing-Bein“ für Cross-Asset-Settlement. RLUSD soll das eine liefern, XRP das andere. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag der XRP-Kurs laut Artikel bei rund 1,37 US-Dollar.