XRP zeigt derzeit eine ungewöhnliche Marktstruktur: Während auf Binance große Mengen am Spotmarkt bewegt werden, zieht sich gleichzeitig immer mehr gehebeltes Kapital aus dem Derivatemarkt zurück. Besonders kritisch ist dabei, dass Long-Trader wieder höhere Gebühren zahlen, obwohl das Open Interest weiter sinkt. Genau diese Kombination erhöht das Risiko eines erneuten Bereinigungsschubs.
Zwischen dem 4. und 8. Juli sprang die XRP-Aktivität am Binance-Spotmarkt deutlich an. Am 7. Juli standen Zuflüssen von 64,9 Millionen XRP Abflüsse von 49,2 Millionen XRP gegenüber. Das deutet auf eine aggressive Umschichtung größerer Positionen hin, liefert aber noch keinen klaren Beweis für nachhaltigen Kaufdruck.
Warum der Liquiditätsschub noch kein bullisches Signal ist
Der starke Anstieg der Spot-Aktivität kam nicht am Beginn einer neuen Marktbewegung. Er traf auf einen Derivatemarkt, der bereits seit Wochen schrumpft.
Das offene Handelsvolumen, das sogenannte Open Interest, war auf Binance schon von mehr als 500 Millionen US-Dollar Mitte Juni auf 431 Millionen US-Dollar Anfang Juli gefallen. Bis zum 10. Juli sank der Wert weiter auf 399 Millionen US-Dollar.
Damit verlassen weiterhin gehebelte Positionen den Markt. Ein steigender XRP-Kurs würde normalerweise überzeugender wirken, wenn gleichzeitig neues Kapital in Futures und Perpetual-Kontrakte fließt. Genau das passiert derzeit jedoch nicht.
Stattdessen stiegen die Liquidationen von Long-Positionen innerhalb einer Woche um 94 Prozent. Im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen drei Monate lagen sie sogar 172 Prozent höher. Short-Liquidationen gingen dagegen um 53 Prozent zurück.
Das bedeutet: Vor allem Trader, die auf steigende Kurse gesetzt hatten, wurden aus dem Markt gedrängt.
Dieses Warnsignal macht neue Long-Positionen gefährlich
Noch auffälliger ist die Entwicklung der Funding Rate. Nachdem sie Ende Juni kurzzeitig negativ geworden war, stieg sie auf Binance innerhalb einer Woche um 266 Prozent auf 0,007.
Eine positive Funding Rate bedeutet, dass Long-Trader Gebühren an Short-Trader zahlen. Je stärker dieser Wert steigt, desto teurer wird es, auf weiter steigende Kurse zu setzen.
Problematisch ist die Kombination: Die Finanzierungskosten steigen, obwohl das Open Interest fällt und gleichzeitig viele Long-Positionen liquidiert werden. Neue Käufer zahlen damit höhere Prämien in einem Markt, dessen gehebelte Basis weiter schrumpft.
Das kann funktionieren, wenn der Spotmarkt genügend echten Kaufdruck liefert. Bleibt dieser jedoch aus, wächst die Gefahr eines Funding-Resets. Dabei werden überfüllte Long-Positionen durch einen schnellen Rücksetzer aus dem Markt gespült, bis sich die Finanzierungskosten wieder normalisieren.
Netzwerk stabilisiert sich, doch die breite Nachfrage fehlt
Die On-Chain-Daten zeichnen ein weniger angespanntes, aber ebenfalls noch nicht eindeutig bullisches Bild.
Die Zahl aktiver Adressen liegt weiterhin rund elf Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Monate. Eine breite Rückkehr neuer Nutzer oder Anleger ist damit noch nicht erkennbar.
Gleichzeitig stieg die Zahl der Transaktionen im Wochen- und Monatsvergleich um etwa drei bis vier Prozent. Sie bleibt jedoch rund 21 Prozent unter ihrem Dreimonatsdurchschnitt.
Positiv ist, dass das NVT-Verhältnis zurückgegangen ist. Diese Kennzahl setzt den Netzwerkwert ins Verhältnis zur tatsächlichen Nutzung. Ein fallender Wert kann darauf hindeuten, dass sich die Aktivität stabilisiert und die vorherige Verschlechterung nicht weiter fortsetzt.
Für XRP ergibt sich damit ein klarer Konflikt: Das Netzwerk zeigt erste Anzeichen einer Stabilisierung, während der Derivatemarkt weiterhin Kapital verliert und neue Long-Positionen gleichzeitig teurer werden.
Entscheidend ist nun, ob die erhöhte Spot-Aktivität in nachhaltigen Kaufdruck übergeht. Bleibt dieser aus, könnte die steigende Funding Rate zur Falle werden und den nächsten Long-Ausverkauf auslösen. Erst wenn Open Interest und Netzwerkaktivität gemeinsam anziehen, verliert dieses Warnsignal an Schärfe.