Die US-Börsenaufsicht SEC rückt digitale Assets deutlich näher an den Kern des amerikanischen Kapitalmarkts. Im Entwurf ihres Strategischen Plans für die Haushaltsjahre 2026 bis 2030 widmet die Behörde Blockchain, digitalen Vermögenswerten und Distributed-Ledger-Technologien ein eigenes Objective innerhalb ihres ersten großen Ziels.
Tatsächlich könnte es aber eine der wichtigsten Verschiebungen in der US-Kryptopolitik seit Jahren sein.
Denn die SEC beschreibt Blockchain nicht mehr nur als Risikoquelle für Anleger oder als Problem für Enforcement-Verfahren. Die Behörde spricht der Technologie ausdrücklich das Potenzial zu, die Finanzinfrastruktur der USA zu verändern.
Genannt werden neue Optionen, Effizienzgewinne, Kostensenkungen, Transparenz und Risikominderung. Gleichzeitig hält die SEC fest, dass das schnelle Wachstum von Krypto und Blockchain den bestehenden Regulierungsrahmen überholt hat.
Für Anleger ist das deshalb wichtig, weil sich der Schwerpunkt verschiebt. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob einzelne Token als Wertpapiere gelten. Es geht zunehmend darum, wie tokenisierte Angebote, Verwahrung, Handel, Staking und On-Chain-Finanzinfrastruktur in regulierte Märkte passen können.
SEC will klare Regeln für digitale Assets
Im Strategieentwurf formuliert die SEC ein klares Ziel: Sie will eine regulatorische Grundlage für digitale Assets und Distributed-Ledger-Technologien schaffen, die rational und prinzipienbasiert sein soll. Die Behörde nennt konkrete Baustellen, die den Kryptomarkt seit Jahren belasten.
Dazu gehört erstens die Frage, wo die Grenzen des Wertpapierrechts bei digitalen Assets verlaufen. Zweitens geht es um Kapitalbildung über tokenisierte Angebote. Drittens will die SEC die Entwicklung von On-Chain-Finanzinfrastruktur unterstützen. Viertens sollen Verwahrung, Handel und Staking unter angemessener Aufsicht möglich sein, ohne dass Anbieter durch doppelte oder widersprüchliche Anforderungen blockiert werden.
Besonders auffällig ist auch der Hinweis auf die Zuständigkeitsfragen zwischen SEC und CFTC. Genau dort liegt seit Jahren ein Kernproblem der US-Kryptoregulierung. Wenn unklar bleibt, ob ein Produkt eher als Wertpapier, Rohstoff, Derivat oder hybride Struktur einzuordnen ist, steigen Rechtsrisiken für Anbieter und Unsicherheit für Anleger.
Die SEC selbst veröffentlichte den Strategieentwurf Anfang Juni zur öffentlichen Kommentierung. In der begleitenden Mitteilung betont die Behörde, sie wolle zu ihrer gesetzlichen Kernmission zurückkehren: Anlegerschutz, faire und effiziente Märkte sowie Kapitalbildung. Digitale Assets werden in diesem Rahmen nicht als Ersatz für diese Mission behandelt, sondern als ein Bereich, in dem diese Mission neu übersetzt werden muss.
Tokenisierte Wertpapiere rücken in den Vordergrund
Wie konkret diese neue Linie werden könnte, zeigte Jamie Selway, Direktor der SEC-Division Trading and Markets. In einer Rede auf der Global Exchange & FinTech Conference sagte Selway, Chairman Paul Atkins habe seine Abteilung angewiesen, an einem Rahmen für die Listung und den Handel tokenisierter Wertpapiere zu arbeiten. Das Leitmotiv laute dabei „innovation without arbitrage“.
Das ist ein entscheidender Punkt. Die SEC signalisiert damit nicht, dass sie einen unregulierten Parallelmarkt für tokenisierte Aktien will. Vielmehr sollen Innovationen möglich werden, ohne dass Marktteilnehmer bloß zwischen Handelsplätzen, Rechtsräumen oder Produktformen hin und her wechseln, um Aufsicht zu umgehen.
Selway warnte in diesem Zusammenhang auch vor Risiken. Zu viel Hebel für unerfahrene Privatanleger, Venue-Shopping oder uneinheitliche Regeln könnten das Vorhaben untergraben. Für den Kryptomarkt bedeutet das: Tokenisierung bekommt Rückenwind, aber nicht als Freifahrtschein.
Die SEC hat sich bereits mit tokenisierten Wertpapieren beschäftigt. In einem Statement zu tokenisierten Securities unterschied die Behörde unter anderem zwischen Modellen, bei denen ein Dritter ein Krypto-Asset ausgibt, das ein zugrunde liegendes Wertpapier abbildet, und synthetischen Strukturen. Genau hier wird sichtbar, warum tokenisierte Aktien regulatorisch nicht ganz einfach sind. Anleger müssen wissen, ob sie wirklich Rechte an einem Wertpapier haben oder nur ein Produkt halten, dessen Wert sich an diesem Wertpapier orientiert.
Nasdaq und NYSE testen den nächsten Schritt
Auch die großen US-Börsen bewegen sich bereits. Die SEC genehmigte eine Nasdaq-Regeländerung, die den Handel von Wertpapieren in tokenisierter Form im Rahmen eines DTC-Pilotprogramms ermöglichen soll. Aus dem Nasdaq-Dokument geht hervor, dass tokenisierte Wertpapiere dabei unter anderem fungibel mit der traditionellen Form sein und gleiche Rechte vermitteln sollen.
Auch die New York Stock Exchange hat eine Regeländerung eingereicht, um den Handel von Wertpapieren in tokenisierter Form zu ermöglichen. Die NYSE betont dabei, dass die bestehende Wertpapierregulierung auch für tokenisierte Securities gilt, selbst wenn diese durch Blockchain-Abwicklung besondere technische Eigenschaften erhalten.
Passend dazu hatte bitcoinbasis bereits über die NYSE-Pläne für tokenisierte Aktien berichtet.
Self-Custody bleibt ein Sonderfall
Ein weiterer Baustein ist die Frage, wie Self-Custody-Interfaces regulatorisch behandelt werden. Die SEC veröffentlichte im April eine Staff-Statement zur Broker-Dealer-Registrierung bestimmter Benutzeroberflächen, die Transaktionen in Krypto-Asset-Securities vorbereiten.
Wichtig ist die genaue Einordnung: Die SEC gibt damit nicht pauschal allen Self-Custody-Anbietern eine Lizenz-Schonfrist. Die Staff-Statement beschreibt vielmehr Umstände, unter denen die Mitarbeiter der Division Trading and Markets keine Einwände erheben würden, wenn bestimmte Interface-Anbieter ohne Broker-Dealer-Registrierung arbeiten.
Voraussetzung ist unter anderem, dass sie Transaktionen nicht selbst vermitteln, keine Kundengelder halten und keine diskretionäre Kontrolle ausüben.
Für DeFi, Wallets und On-Chain-Nutzer ist das trotzdem relevant. Es zeigt, dass die SEC zwischen technischer Benutzeroberfläche und klassischer Intermediation unterscheiden will. Genau diese Trennung könnte für dezentrale Anwendungen entscheidend werden.
Wie anfällig DeFi-Strukturen bleiben können, zeigen dagegen Sicherheitsfälle wie der von uns eingeordnete Artikel zu Smart-Contract-Risiken und DeFi-Hacks.
SEC und CFTC wollen Widersprüche abbauen
Die Zuständigkeit zwischen SEC und CFTC ist eine der größten offenen Fragen im US-Kryptomarkt. Im März kündigten beide Behörden ein Memorandum of Understanding an, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Ziel ist es, rechtmäßige Innovation zu unterstützen, Marktintegrität zu sichern und Anleger beziehungsweise Kunden zu schützen.
Selway griff diesen Punkt in seiner Rede erneut auf. SEC- und CFTC-Mitarbeiter sollen Wege prüfen, um Regelwerke besser zu harmonisieren. Für tokenisierte Finanzprodukte ist das entscheidend, weil die Grenzen zwischen Spotmarkt, Derivaten, Staking, Kreditstrukturen und tokenisierten Ansprüchen in der Praxis schnell verschwimmen können.
Ohne klare Zuständigkeiten droht ein paradoxes Ergebnis. Seriöse Anbieter warten ab oder wandern aus. Weniger seriöse Anbieter nutzen die Grauzonen aus. Ein kohärenter Rahmen könnte dieses Problem zumindest verkleinern.
CLARITY Act bleibt die politische Schlüsselbaustelle
Parallel zur SEC-Strategie läuft im Kongress die Debatte um den CLARITY Act. Das Gesetz soll klare Marktstrukturregeln für digitale Assets schaffen und die Rollen von SEC und CFTC neu ordnen. Der Senate Banking Committee meldete im Mai ein 15-zu-9-Votum zur Weiterleitung des Gesetzes an den Senat.
Galaxy Research senkte die Wahrscheinlichkeit einer Verabschiedung im Jahr 2026 von 75 Prozent auf 60 Prozent. Der Grund sei weniger der Inhalt des Gesetzes, sondern der knappe Senatskalender, offene Ethikfragen und die nahende Sommerpause. Das ist keine offizielle Prognose, aber ein Hinweis darauf, dass regulatorische Klarheit zwar näher rückt, politisch aber noch nicht gesichert ist.
Auf bitcoinbasis haben wir über den CLARITY Act bereits mehrfach berichtet, unter CLARITY Act: Streit um Ethikregeln im Senat und in der Analyse Trump setzt auf CLARITY Act: Neue US-Krypto-Regeln im Senat.
Mehr Klarheit, aber noch kein Durchbruch
Der SEC-Strategieplan deutet auf eine klare Prioritätenverschiebung hin. Digitale Assets, Blockchain und tokenisierte Wertpapiere sollen nicht mehr nur über Einzelfallverfahren und nachträgliche Auslegung behandelt werden. Stattdessen will die Behörde einen Rahmen schaffen, der Innovation erlaubt, aber Anlegerschutz und Marktintegrität nicht aufgibt.
Das ist für die Kryptobranche ein wichtiges Signal. Der entscheidende Test kommt aber erst noch: Aus strategischen Zielen müssen konkrete Regeln werden. Und im Kongress muss der CLARITY Act zeigen, ob politische Mehrheiten für eine umfassendere US-Kryptoregulierung wirklich stehen.
Bis dahin bleibt der Markt in einer Übergangsphase. Die Richtung ist klarer geworden. Die Regeln selbst sind es noch nicht.