EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat sich klar gegen die Idee gestellt, Europa solle mit eigenen Euro-Stablecoins auf die Dominanz von Dollar-Stablecoins reagieren. Stattdessen plädiert sie für eine moderne, tokenisierte Finanz-Infrastruktur, die direkt auf Zentralbankgeld basiert. Das Ziel: Innovation ermöglichen, ohne neue Risiken ins System zu holen.
Lagarde warnt: Euro-Stablecoins lösen das eigentliche Problem nicht
In einer Rede beim Banco de España LatAm Economic Forum in Roda de Bará (Spanien) nannte Lagarde Stablecoins eine der am schnellsten wachsenden Baustellen für die Finanzpolitik. Der Markt sei in wenigen Jahren von unter 10 Milliarden US-Dollar auf über 300 Milliarden US-Dollar gewachsen. Fast 98% der Stablecoins seien in US-Dollar denominiert, und rund 90% des Marktes werde von Tether und Circle kontrolliert.
Genau diese Konzentration mache Stablecoins aus Sicht der EZB zu mehr als nur einem Krypto-Tool. Lagarde sieht sie inzwischen an der Schnittstelle von Geldpolitik, Finanzstabilität und der künftigen Infrastruktur tokenisierter Märkte. Oft werde argumentiert, Europa müsse deshalb eigene Euro-Stablecoins fördern, sonst drohe eine „digitale Dollarisierung“ und ein Verlust an geldpolitischer Souveränität.
Lagarde hält dagegen: Stablecoins würden zwei Dinge zugleich leisten, die man auseinanderhalten müsse. Erstens eine monetäre Funktion (sie verbreiten eine Währung im Netz). Zweitens eine technische Funktion (sie dienen als Abwicklungs-Geld, also als „Cash-Leg“, auf DLT-Plattformen). Wenn man das trennt, werde der Nutzen von Euro-Stablecoins deutlich kleiner, so Lagarde. Ihre Kernfrage: Braucht man wirklich Stablecoins, um die Vorteile zu bekommen, oder verwechselt man das Werkzeug mit dem Ergebnis?
Die Risiken: Finanzstabilität und schwächere Wirkung der Geldpolitik
Lagarde räumte ein, dass Stablecoins im Krypto-Handel eine zentrale Rolle spielen und auch im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr wichtiger werden, gerade dort, wo stabile Landeswährungen fehlen. Zudem könnten Dollar-Stablecoins die Nachfrage nach US-Staatsanleihen stützen, besonders wenn sie künftig als verzinste Produkte angeboten werden.
Dass die USA das strategisch nutzen wollen, sei inzwischen offen formuliert. Lagarde verwies auf den GENIUS Act, der laut US-Regierung nicht nur Verbraucher schützen und Stabilität fördern soll, sondern auch die globale Dominanz des US-Dollars und die Nachfrage nach Treasuries stärken könne.
Für den Euroraum überwiegen aus Lagardes Sicht jedoch die Nachteile, selbst wenn MiCAR Euro-Stablecoins reguliert. Sie nannte zwei zentrale Risiken:
- Finanzstabilität: Lagarde erinnerte an das USDC-Depegging im März 2023 nach dem Kollaps der Silicon Valley Bank. Circle hatte damals offengelegt, dass 3,3 Milliarden US-Dollar der USDC-Reserven bei der Bank lagen. Der Preis fiel kurzzeitig bis auf 0,877 US-Dollar. Lagardes Punkt: Die Einlösbarkeit zum Nennwert hängt von Vertrauen ab und genau dieses Vertrauen kann in Stressphasen schnell verschwinden. Massenrückgaben könnten eine Krise zusätzlich beschleunigen.
- Geldpolitik: Wenn Privatkunden Einlagen aus Banken abziehen und in Stablecoins halten, könne das die Weitergabe von Zinsentscheidungen der EZB schwächen. Das sei besonders relevant, weil Banken im Euroraum weiterhin der wichtigste Kreditkanal für die Realwirtschaft sind.
Unterm Strich fällt Lagardes Urteil deutlich aus: Stablecoins seien kein effizienter Weg, die internationale Rolle des Euro zu stärken. Dafür brauche es eher eine tiefere Integration der europäischen Kapitalmärkte, eine stärkere „Savings and Investments Union“ und eine belastbare Basis an sicheren Euro-Anlageinstrumenten.
Statt Stablecoins: Tokenisierung ja, aber mit Zentralbankgeld als Anker
Beim Thema Tokenisierung klingt Lagarde hingegen optimistischer. DLT-basierte Marktinfrastruktur könne echte Verbesserungen bringen, vor allem in Europas stark fragmentiertem Finanzsystem. Sie illustrierte das mit Zahlen: In der EU gab es 2023 demnach 295 Handelsplätze, 14 zentrale Clearingstellen und 32 zentrale Wertpapierverwahrer. In den USA stehen dem nur zwei Clearinghäuser und ein zentraler Wertpapierverwahrer gegenüber.
Heute schließen Stablecoins in tokenisierten Märkten oft eine Lücke, weil sie auf der Blockchain ein „Abwicklungs-Geld“ für schnelle, atomare Transaktionen liefern. Lagarde warnt aber, dass private Stablecoins für diese Rolle eine fragile und zersplitterte Grundlage seien. Die Alternative der EZB: öffentliche Abwicklungsschienen, die direkt mit Zentralbankgeld arbeiten.
Konkret kündigte Lagarde an, dass das Eurosystem ab September über das Projekt Pontes eine Lösung für die Wholesale-Abwicklung anbieten will. Dabei sollen DLT-Plattformen an TARGET angebunden werden, damit Transaktionen in Zentralbankgeld final abgewickelt werden können. Zusätzlich verwies sie auf die Appia-Roadmap (veröffentlicht im März), die bis 2028 ein vollständig interoperables, europäisches Ökosystem für tokenisierte Finanzmärkte unterstützen soll.
Lagardes Schlussbotschaft: Europa solle keine Instrumente kopieren, die anderswo entstanden sind, sondern eine eigene Infrastruktur aufbauen, die zu den europäischen Zielen passt. So könne man die Vorteile der Innovation nutzen, ohne die Fragilitäten privater Stablecoin-Modelle zu importieren.