Nach dem milliardenschweren Eingriff in das Liquid Network verschärft Blockstream den Ton gegenüber den Verantwortlichen. Rund 3.400 der knapp 4.000 abgezogenen Bitcoin wurden zwar zurückgegeben, doch etwa 598,5 BTC befinden sich weiterhin außerhalb der Kontrolle der Liquid Federation. Blockstream stellt nun klar: Für deren Rückgabe werde das Unternehmen kein Lösegeld zahlen.
Beim aktuellen Bitcoin-Kurs von rund 77.000 US-Dollar entsprechen die noch ausstehenden Coins einem Wert von ungefähr 46 Millionen US-Dollar. Der Konflikt dreht sich damit nicht mehr nur um eine Sicherheitslücke, sondern zunehmend um die Frage, wo verantwortungsvolle Sicherheitsforschung endet und Erpressung beginnt.
Blockstream zieht klare Grenze: „Das ist Diebstahl“
In seiner jüngsten Stellungnahme weist Blockstream die Darstellung der Verantwortlichen als White-Hat-Hacker ausdrücklich zurück. Das unbefugte Aneignen von Vermögenswerten und das anschließende Zurückhalten der Gelder unter Bedingungen sei keine verantwortungsvolle Offenlegung einer Sicherheitslücke, sondern Diebstahl.
Damit reagiert das Unternehmen auf eine entscheidende Eskalation nach dem Angriff vom 6. September. Durch eine Schwachstelle in der Open-Source-Software Elements konnten rund 4.000 nicht gedeckte L-BTC erzeugt werden. Diese wurden anschließend über den regulären Peg-out-Prozess gegen echte Bitcoin aus der Liquid-Reserve getauscht. Nach Angaben von Chainalysis wurden dadurch etwa 4.000 der damals rund 4.200 BTC umfassenden Reserve abgezogen.
Nachdem Blockstream die betroffenen Bridge-Nodes gepatcht hatte, überwiesen die Verantwortlichen 3.400 BTC zurück. Rund 598,5 BTC blieben jedoch auf einer von ihnen kontrollierten Adresse. Damit wurden etwa 85 Prozent der abgezogenen Bitcoin zurückgegeben, während ungefähr 15 Prozent weiter fehlen.
Berichten zufolge forderten die Verantwortlichen später, Blockstream solle einen Teil der Summe aus eigenen Mitteln als Bug-Bounty zahlen. Genau diese Forderung lehnt das Unternehmen nun grundsätzlich ab. Blockstream argumentiert, ein solcher Präzedenzfall würde bedeuten, dass Entwickler von Open-Source-Software bei Sicherheitslücken faktisch zur Zahlung von Lösegeld gezwungen werden könnten.
Liquid läuft wieder, aber die entscheidende Lücke bleibt
Technisch hat sich die Lage inzwischen verbessert. Die Liquid Network Federation nahm am 10. September die Blockproduktion in einem kontrollierten Wiederanlauf wieder auf. Die Sicherheitslücke wurde mit Elements v23.3.4 adressiert und die Functionary- sowie Bridge-Nodes wurden aktualisiert.
Vollständig normalisiert ist das Netzwerk damit jedoch noch nicht. SideSwap bestätigte am 10. September, dass Märkte und Swaps wieder funktionieren, Peg-ins und Peg-outs jedoch weiterhin deaktiviert bleiben. Besonders brisant ist die Deckung von L-BTC: Zu diesem Zeitpunkt standen laut öffentlich einsehbaren Daten rund 4.205 L-BTC nur etwa 3.597 BTC in der Federation-Reserve gegenüber. Die Reserve deckte damit zunächst etwa 85 Prozent der umlaufenden L-BTC.
Blockstream-Mitgründer Adam Back erklärte allerdings, dass die 1:1-Deckung von L-BTC wiederhergestellt werden soll. Damit würde verhindert, dass Liquid-Nutzer letztlich den finanziellen Schaden des Angriffs tragen müssen.
Genau hier liegt der wirtschaftliche Kern des Streits: Würde Blockstream die von den Angreifern verlangte Belohnung akzeptieren, könnte dies aus Sicht des Unternehmens einen problematischen Anreiz schaffen. Wer eine Schwachstelle findet, könnte theoretisch enorme Vermögenswerte abziehen und anschließend deren Rückgabe an eine selbst festgelegte Zahlung knüpfen.
Jetzt droht den Verantwortlichen die Jagd über Börsen und Blockchain
Blockstream erhöht deshalb den Druck. Sollten die verbleibenden Bitcoin nicht freiwillig zurückgegeben werden, will das Unternehmen nach eigener Aussage Strafverfolgungsbehörden, Krypto-Börsen, Dienstleister und Blockchain-Forensiker einschalten.
Dabei besitzt Blockstream einen entscheidenden Vorteil: Die Bewegungen der Bitcoin bleiben dauerhaft auf der Blockchain nachvollziehbar. Zwar können Angreifer versuchen, ihre Spuren durch komplexe Transaktionen oder andere Dienste zu verschleiern. Verschwinden können die historischen Transaktionen jedoch nicht.
Dass Blockchain-Analysefirmen bereits beteiligt sind, erhöht den Druck zusätzlich. TRM Labs erklärte bereits nach dem Angriff, die mit den Verantwortlichen verbundenen Adressen gekennzeichnet zu haben und die nicht zurückgegebenen Gelder weiter zu verfolgen.
Für Liquid geht es damit inzwischen um mehr als die Behebung eines Softwarefehlers. Blockstream muss das Vertrauen in die vollständige Bitcoin-Deckung von L-BTC wiederherstellen, während gleichzeitig verhindert werden soll, dass die zurückbehaltenen 598,5 BTC nachträglich als legitime Hacker-Belohnung akzeptiert werden.
Die entscheidende Marke bleibt deshalb klar: 598,5 BTC. Werden sie zurückgegeben, könnte einer der größten Krypto-Sicherheitsvorfälle des Jahres zumindest finanziell weitgehend geschlossen werden. Bleiben sie unter Kontrolle der Angreifer, dürfte sich der Konflikt von der Blockchain zunehmend zu Börsen, Forensikern und Strafverfolgungsbehörden verlagern.
Chronologie des Liquid-Network-Hacks:
- Liquid-Network: 4.000 Bitcoin gestohlen oder doch nicht?
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