Der spektakuläre Liquid-Hack hat seinen bislang entscheidenden Wendepunkt erreicht: Der selbst ernannte White-Hat-Hacker hat 3.400 Bitcoin an die Liquid Federation zurückgeschickt. Die Rückzahlung erfolgte in Bitcoin-Block 965.950 und entspricht rund 85 Prozent der zuvor kontrollierten BTC. Doch ein gewaltiger Rest bleibt offen: 598,5 BTC im Wert von rund 47 Millionen US-Dollar befinden sich weiterhin beim Angreifer.
Damit ist nun auch die Frage aus unserem ersten Bericht beantwortet, ob die angekündigte Rückgabe tatsächlich stattfinden würde. Sie fand statt – allerdings erst nach einer außergewöhnlichen Verhandlung zwischen Blockstream und dem Angreifer, die sich über Stunden direkt auf der Bitcoin-Blockchain abspielte.
Statt E-Mails, Telegram oder einem klassischen Bug-Bounty-Portal nutzten beide Seiten OP_RETURN-Nachrichten, kleine Bitcoin-Transaktionen und PGP-Verschlüsselung, um miteinander zu kommunizieren. Dabei wurde nicht nur über die Rückgabe gesprochen. Der Hacker verlangte ausdrücklich, dass die Schwachstelle zuerst geschlossen und die betroffenen Nodes gepatcht werden.
Von „contact us on chain“ zur Rückgabe von 3.400 Bitcoin
Begonnen hatte der ungewöhnliche Dialog noch am 6. September. Nachdem fast 4.000 BTC aus der Liquid-Reserve abgeflossen waren, hinterließ die Adresse des Angreifers eine kurze Botschaft auf Bitcoin:
„we are whitehats. contact us on chain“
Blockstream nahm die Einladung tatsächlich an. Wenig später schickte das Unternehmen 1.000 Satoshis zusammen mit der Nachricht, der Angreifer solle die Sicherheitsabteilung von Blockstream kontaktieren. Danach verlagerte sich ein Teil der Kommunikation bereits in verschlüsselte Nachrichten.
Am frühen 7. September wurde es konkreter. In einer weiteren On-Chain-Nachricht fragte der Angreifer, ob es in Ordnung sei, „most“, also den Großteil der Bitcoin, zurück an die bekannte Federation-Adresse zu schicken.
Schon dieses eine Wort sollte später entscheidend werden. Blockstream antwortete mit einem PGP-signierten „Yes, thank you.“ Doch der Hacker schickte die Bitcoin noch nicht zurück.
Stattdessen folgte die eigentliche Bedingung. Der Angreifer erklärte, dass Blockstream zuerst den Bug beseitigen müsse. Die Chain sei weiterhin gefährdet und sämtliche relevanten Nodes müssten gepatcht werden. Erst nachdem der Fix überprüft worden sei, wolle man die Gelder sicher zurückübertragen. Technische Details wurden zusätzlich in einer Nachricht verschlüsselt, die nur Blockstream lesen konnte.
Stunden später kam schließlich die entscheidende Antwort von Blockstream. Das Unternehmen schrieb in einer kryptografisch signierten Nachricht:
„Bridge nodes are patched, safe to return the funds.“
Die PGP-Signatur konnte dem öffentlich bekannten Sicherheitsschlüssel von Blockstream zugeordnet werden. Damit hatte der Angreifer einen kryptografischen Nachweis, dass die Nachricht tatsächlich von Blockstream stammte und nicht von einem zufälligen Dritten.
Betrüger wollten die 4.000 BTC offenbar selbst abfangen
Genau diese Authentifizierung war in diesem Fall besonders wichtig. Denn während Blockstream und der Angreifer öffentlich über Bitcoin miteinander kommunizierten, entwickelte sich dessen Adresse zeitweise zu einer Art öffentlichem Schwarzen Brett. Jeder konnte kleine Bitcoin-Beträge an die Adresse schicken und eigene Nachrichten anhängen.
Das versuchten offenbar auch Betrüger auszunutzen. Zwischendurch tauchte eine Nachricht auf, die sich als Antwort auf die Verhandlungen ausgab. Darin wurde dem Hacker angeblich angeboten, 98 BTC als Bug-Bounty zu behalten, während der Rest an eine andere Bitcoin-Adresse geschickt werden sollte.
Die Nachricht stammte jedoch nicht von Blockstream. Sie trug keine gültige PGP-Signatur und wollte die Gelder zudem nicht an die bekannte Federation-Adresse, sondern an eine andere Adresse umleiten. Später folgte sogar ein weiterer ähnlicher Versuch mit einer angeblich „sauberen“ Rücksendeadresse. On-Chain-Analysten werteten beide Nachrichten als Versuche, sich in die Rückzahlung einzuschalten.
Der Hacker scheint dieses Risiko durchaus ernst genommen zu haben. In Block 965.930 fragte er Blockstream deshalb erneut ausdrücklich, ob die Bitcoin wirklich an die bereits genannte Federation-Adresse zurückgeschickt werden sollten. Gleichzeitig übermittelte er weitere Details zum Fix der Schwachstelle in verschlüsselter Form. Blockstream antwortete wiederum mit einer signierten und teilweise verschlüsselten Nachricht.
Damit lief ein erheblicher Teil der letzten Verhandlungsphase zwar weiterhin sichtbar über Bitcoin, der eigentliche Inhalt blieb jedoch nur für die beiden Parteien lesbar.
Und kurze Zeit später bewegten sich die Coins.
3.400 BTC sind zurück – aber was passiert mit den übrigen 598,5?
In Bitcoin-Block 965.950 folgte schließlich die Transaktion, auf die der Markt gewartet hatte.
3.400 BTC gingen zurück an die Liquid Federation.
Weitere 598,4995 BTC landeten dagegen wieder unter Kontrolle des Angreifers. Bei einem Bitcoin-Kurs von derzeit knapp 79.000 US-Dollar entspricht dieser Rest einem Gegenwert von etwa 47 Millionen US-Dollar.
Damit hatte der Hacker seine vorherige Formulierung bemerkenswert wörtlich umgesetzt: Er hatte angekündigt, „most“zurückzugeben – nicht alles.
Ob die verbliebenen rund 15 Prozent tatsächlich eine zwischen Blockstream und dem Hacker ausgehandelte Bug-Bounty darstellen, lässt sich öffentlich allerdings weiterhin nicht bestätigen.
Genau hier ist Vorsicht bei der Einordnung notwendig.
In den öffentlich lesbaren OP_RETURN-Nachrichten findet sich keine bestätigte Vereinbarung, nach der der Angreifer 598,5 BTC behalten darf. Auch Blockstream hat bislang öffentlich keinen entsprechenden Betrag als Belohnung bestätigt. Ein Teil der abschließenden Kommunikation war verschlüsselt, weshalb Außenstehende nicht wissen können, was dort konkret vereinbart wurde.
Die Theorie einer ausgehandelten Belohnung liegt zwar nahe. Belegt ist sie derzeit aber nicht. Der bisher bekannte Dialog sieht wie folgt aus:
full dialog between blockstream and the hackers pic.twitter.com/ScK4DQstOH
— Alex Thorn (@intangiblecoins) September 7, 2026
Ebenso denkbar bleibt, dass die 598,5 BTC noch zurückgegeben werden, Gegenstand weiterer Verhandlungen sind oder vom Angreifer eigenmächtig einbehalten wurden.
Genau deshalb bleibt auch die Bezeichnung „White Hat“ problematisch. Einerseits wurden Bitcoin im Wert von hunderten Millionen Dollar ohne vorherige Genehmigung aus dem System abgezogen. Andererseits versteckte der Angreifer die Coins nicht, informierte den Betreiber über die Schwachstelle, übermittelte technische Details und gab inzwischen den überwiegenden Teil zurück.
Für Liquid bedeutet die Rückzahlung zunächst eine enorme Entlastung. Der Vorfall selbst ist damit aber noch nicht vollständig aufgearbeitet. Die Schwachstelle betraf die Elements-Software hinter Liquid, während Bitcoin selbst zu keinem Zeitpunkt gehackt wurde. Liquid hatte als Reaktion Bridge Nodes deaktiviert und den Netzwerkbetrieb stark eingeschränkt.
Für Anleger und Nutzer richtet sich der Blick deshalb jetzt auf zwei offene Fragen: Wann kann Liquid nach dem Patch wieder vollständig und sicher betrieben werden – und was geschieht mit den noch immer beim Hacker liegenden 598,5 Bitcoin?