Bei Bitcoin verschiebt sich gerade etwas, das es in dieser Form bislang kaum gab: Die Rechenleistung des Netzwerks liegt deutlich unter ihrem Rekord, während große Mining-Unternehmen Kapital und Infrastruktur zunehmend in Richtung künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechenzentren umlenken.
Twenty-One-Capital-CEO Raphael Zagury spricht deshalb vom ersten echten „Hashrate-Bärenmarkt“ der Bitcoin-Geschichte. Entscheidend ist jetzt, was dieser Rückgang auslöst: Schwächere Miner verschwinden, während effiziente Betreiber automatisch mehr vom verbleibenden Markt bekommen.
Nach Zagurys Daten erreichte die Bitcoin-Hashrate am 19. September 2025 mit rund 1.275 EH/s ihr bisheriges Allzeithoch. Inzwischen liegt sie nur noch im hohen 900-EH/s-Bereich. Das entspricht einem Rückgang von etwa 22 bis 24 Prozent und laut seiner Präsentation der längsten Phase seit rund zehn Jahren, in der Bitcoin kein neues Hashrate-Hoch erreicht hat.
Warum dieser Rückgang gefährlicher wirkt als der China-Schock 2021
Auf den ersten Blick erinnert die Situation an 2021. Damals brach die Hashrate massiv ein, nachdem China gegen Bitcoin-Mining vorging. Doch der entscheidende Unterschied liegt in der Ursache.
2021 mussten viele Maschinen schlicht ihren Standort wechseln. Die Miner transportierten ihre Hardware in andere Länder, schlossen sie dort erneut an und die Hashrate erholte sich innerhalb weniger Monate. Zagury beschreibt es sinngemäß als einen Standortschock: Die Maschinen waren nicht zwangsläufig unrentabel, sondern zeitweise ohne Heimat.
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Weitere InformationenHeute sieht das anders aus. Die Hashrate sinkt langsam, weil ein Teil der Mining-Hardware unter den aktuellen Bedingungen wirtschaftlich kaum noch mithalten kann. Gleichzeitig konkurriert Bitcoin inzwischen mit einem völlig neuen Gegner um Strom, Grundstücke, Netzanschlüsse und Rechenzentren: künstliche Intelligenz.
Genau deshalb könnte dieser Rückgang hartnäckiger werden. Die frei werdende Infrastruktur wartet nicht zwangsläufig darauf, wieder Bitcoin zu minen. Sie kann dauerhaft für KI und High Performance Computing eingesetzt werden. Zagury zufolge fließt auch das Kapital, das früher neue Mining-Kapazität aufgebaut hätte, zunehmend in diese Bereiche.
Die KI zieht Milliarden aus dem Bitcoin-Mining ab
Wie weit diese Verschiebung inzwischen geht, zeigt ein Blick auf die börsennotierten Miner. Zagury formulierte es auf der Bitcoin Asia drastisch: Unter den öffentlichen Mining-Unternehmen gebe es kaum noch jemanden, der konsequent beim großflächigen Bitcoin-Mining bleibe. Nahezu alle würden sich inzwischen in andere Richtungen bewegen.
Die Entwicklung lässt sich auch außerhalb seiner Präsentation beobachten. S&P Global nennt unter anderem IREN, Riot Platforms, Core Scientific, HIVE, Cipher und TeraWulf als Unternehmen, die ihre Infrastruktur zunehmend für KI und High Performance Computing öffnen. Bei mehreren Konzernen soll dieser Bereich 2026 bereits einen großen Teil des Umsatzwachstums liefern.
CoinShares bezifferte den Umfang angekündigter KI- und HPC-Verträge im öffentlichen Mining-Sektor bereits auf mehr als 70 Milliarden US-Dollar. Das Research-Unternehmen erwartet, dass einzelne ehemalige Bitcoin-Miner künftig einen Großteil ihrer Einnahmen mit KI-Infrastruktur erwirtschaften könnten.
Der Grund ist simpel: Ein Megawatt Strom kann für einen Betreiber derzeit unter Umständen wertvoller sein, wenn damit KI-Rechenzentren statt Bitcoin-Miner versorgt werden. Damit verändert sich die Konkurrenz im Mining fundamental.
Warum der Hashrate-Bärenmarkt plötzlich zur Chance werden kann
Für Bitcoin selbst muss eine sinkende Hashrate allerdings nicht ausschließlich negativ sein.
Das Protokoll besitzt einen eingebauten Mechanismus, der ungefähr alle 2.016 Blöcke die Mining-Schwierigkeit anpasst. Verschwinden unrentable Miner aus dem Netzwerk, sinkt langfristig der Konkurrenzdruck für diejenigen, die übrig bleiben. Ein effizienter Betreiber kann dadurch mit derselben Hardware und demselben Stromverbrauch einen größeren Anteil an der gesamten Bitcoin-Produktion erhalten.
Genau darin sieht Zagury die ungewöhnliche Chance dieses Zyklus.
Wenn die Hashrate schwach bleibt, während der Bitcoin-Kurs steigt, verbessert sich die Rechnung für jene Miner, deren Energiekosten und Hardware effizient genug sind. Statt ständig neue Konkurrenz verkraften zu müssen, könnten sie Marktanteile gewinnen, ohne selbst zusätzliche Rechenleistung aufzubauen.
Für Anleger entsteht damit ein ungewöhnlicher Konflikt: Einerseits zeigt der Hashrate-Rückgang, wie stark die Margen im Mining unter Druck stehen. Andererseits könnte genau diese Kapitulation die profitabelsten Betreiber stärken.
Jetzt zählt deshalb vor allem die aktuelle Zone. Findet die Hashrate im hohen 900-EH/s-Bereich einen Boden und beginnt wieder in Richtung des Rekords von 1.275 EH/s zu steigen, wäre die These eines dauerhaften Strukturbruchs deutlich geschwächt. Fällt sie dagegen weiter, während immer mehr Strom und Kapital in KI-Rechenzentren wandern, dürfte aus einem normalen Mining-Rücksetzer tatsächlich ein langfristiger Umbau der Branche werden.
Und genau dann wird es ernst: Nicht der Bitcoin-Preis entscheidet allein über die Zukunft des Minings, sondern die Frage, ob Bitcoin im Kampf um Energie und Rechenzentren noch mit der KI mithalten kann.
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