Bitcoin hat sich deutlich vom jüngsten Tief erholt, doch das wichtigste On-Chain-Signal liefert noch keine Entwarnung. Am 22. Juli lagen 57,5 Prozent der gesamten Bitcoin-Menge wieder im Gewinn. Ende Juni waren es nur 46,2 Prozent. Damit wechselte innerhalb von rund drei Wochen mehr als jeder zehnte Bitcoin rechnerisch aus der Verlustzone zurück ins Plus.
Das ist ein echter Fortschritt, reicht historisch aber noch nicht für einen bestätigten Ausstieg aus dem Bärenmarkt. Bei allen vier großen Trendwenden seit 2012 lag der Anteil der profitablen Bitcoin bei mindestens 64 Prozent. Genau diese Schwelle wird jetzt zur Bewährungsprobe für die Erholung.
Bitcoin Kurs notiert aktuell bei rund 65.700 Dollar.
Mehr Bitcoin im Gewinn, aber die Käufer bleiben vorsichtig
Die Kennzahl „Supply in Profit“ zeigt, welcher Anteil der verfügbaren Bitcoin zuletzt zu einem niedrigeren Preis bewegt wurde als dem aktuellen Marktpreis. Je höher dieser Wert steigt, desto mehr Anleger sitzen rechnerisch auf Buchgewinnen.

Der Sprung von 46,2 auf 57,5 Prozent zeigt deshalb, wie stark sich die Lage seit Ende Juni verbessert hat. Der Bitcoin-Kurs legte innerhalb von 30 Tagen ungefähr sieben Prozent zu und kehrte in den Bereich um 65.000 Dollar zurück.
Trotzdem fehlt dem Markt noch ein komfortables Gewinnpolster. Fast 43 Prozent der Bitcoin liegen weiterhin unter ihrem jeweiligen Einstandspreis. Viele dieser Coins gehören Anlegern, die während höherer Kursphasen gekauft haben und eine Erholung für einen Ausstieg ohne Verlust nutzen könnten.
Dieses Verhalten wird auch beim SOPR sichtbar. Die Kennzahl misst, ob bewegte Bitcoin im Durchschnitt mit Gewinn oder Verlust transferiert werden. Ein Wert von 1,0 entspricht dem rechnerischen Einstandspreis.
Der SOPR kurzfristiger Halter liegt derzeit bei 0,9997. Neuere Käufer bewegen ihre Coins damit praktisch ohne Gewinn. Das ist weder eine klare Kapitulation noch ein überzeugender Wechsel in eine profitable Marktphase. Es zeigt vor allem, wie dünn das Vertrauen in die aktuelle Erholung noch ist.
Diese 64-Prozent-Schwelle trennte Erholung und Trendwende
Ein Blick auf frühere Bärenmärkte zeigt, warum der aktuelle Wert von 57,5 Prozent noch nicht ausreicht.
Als der 30-Tage-Durchschnitt des Long-Term-Holder-SOPR nachhaltig über die Gewinnschwelle von 1,0 zurückkehrte, lag der Anteil der profitablen Bitcoin im April 2012 bei rund 69 Prozent. Im November 2015 waren es 64 Prozent, im Mai 2019 sogar 83 Prozent und im April 2023 rund 77 Prozent.
Keiner dieser bestätigten Ausstiege aus einem Bärenmarkt gelang mit weniger als 64 Prozent profitabler Bitcoin. Der Markt benötigte stets ein deutlich breiteres Fundament, auf dem nicht nur kurzfristige Käufer, sondern auch längerfristige Halter wieder Gewinne realisieren konnten.
Besonders heikel ist, dass der aktuelle Zyklus bereits einen Fehlversuch erlebt hat. Zwischen dem 28. April und dem 1. Juni hielt sich der 30-Tage-Durchschnitt des Long-Term-Holder-SOPR insgesamt 35 Tage über 1,0. Gleichzeitig stieg der profitable Anteil des Bitcoin-Angebots bis auf 67 Prozent.
Damit schien die historische Mindestanforderung zunächst erfüllt. Doch beide Signale kippten wieder nach unten. Die vermeintliche Trendwende erwies sich als nicht belastbar.
Aktuell liegt der geglättete Long-Term-Holder-SOPR nur bei 0,86 und damit seit 51 Tagen durchgehend unter der Gewinnschwelle. Langfristige Halter bewegen ihre Coins im Durchschnitt weiterhin unter ihrem Einstandspreis. Ein ähnliches Verhalten tritt vor allem in ausgeprägten Bärenmarkt- und Reset-Phasen auf.
Der größte Verkaufsdruck lauert zwischen 72.000 und 101.000 Dollar
Positiv ist, dass sich der Verkaufsdruck besonders alter Anleger zuletzt abgeschwächt hat. Anfang Juli stieg der Anteil von Coins mit einem Alter von mehr als sechs Monaten zeitweise auf zwölf bis 16 Prozent der Bitcoin-Zuflüsse zu Börsen.
Langfristige Halter nutzten den Beginn der Erholung offenbar, um Bestände zu transferieren. In der vergangenen Woche fiel ihr Anteil an den Börsenzuflüssen jedoch auf nur noch 0,8 Prozent. Im vorherigen Monat hatte er durchschnittlich bei 5,6 Prozent gelegen.
Die alten Bestände belasten den Markt damit derzeit deutlich weniger. Das eigentliche Risiko liegt nun bei Anlegergruppen, die ihre Bitcoin vor einem Monat bis zwei Jahren gekauft haben. Ihre durchschnittlichen Einstiegspreise befinden sich grob zwischen 72.000 und 101.000 Dollar.
Diese Zone kann zur massiven Verkaufsbarriere werden. Je näher Bitcoin an die Einstandspreise dieser Anleger heranläuft, desto größer wird die Versuchung, Positionen nach Monaten im Verlust ohne Minus zu schließen. Bereits der Bereich um 68.000 Dollar gilt als erste wichtige Hürde, an der kurzfristige Käufer wieder ihren Einstand erreichen.
Die Erholung ist deshalb real, aber noch nicht bestätigt. Erst wenn der Anteil der profitablen Bitcoin klar über die mittleren 60 Prozent steigt und der Long-Term-Holder-SOPR länger als beim gescheiterten April-Versuch über 1,0 bleibt, würde sich das historische Muster eines echten Bärenmarkt-Ausbruchs wiederholen.
Bis dahin bleibt der Anstieg eher eine Erholung innerhalb eines angeschlagenen Marktregimes. Jetzt entscheidet nicht allein der Kurs bei 65.000 Dollar, sondern ob genügend Anleger dauerhaft aus der Verlustzone zurückkehren. Die 64-Prozent-Marke ist die Linie, an der aus Hoffnung erstmals wieder eine belastbare Trendwende werden könnte.