Neuer Coinfinity-Geschäftsführer im Interview: Warum ein Start wie 2014 heute kaum noch möglich wäre

Seit dem 1. Oktober 2026 führt Raimund Ortner gemeinsam mit Stefan Grill die Geschäfte von Coinfinity. Im Interview mit BitcoinBasis spricht der neue Geschäftsführer über seine Pläne für den österreichischen Bitcoin-Broker, die Folgen der MiCAR-Regulierung und die deutlich gestiegenen Hürden für neue Marktteilnehmer.
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Raimund Ortner im Interview mit BitcoinBasis
Raimund Ortner im Interview mit BitcoinBasis

MiCAR, DORA und die Travel Rule haben den europäischen Bitcoin-Markt grundlegend verändert. Wer heute einen regulierten Anbieter aufbauen will, braucht deutlich mehr Kapital, Personal und Compliance-Strukturen als noch vor einigen Jahren.

Raimund Ortner, seit dem 1. Oktober neuer Geschäftsführer von Coinfinity, erklärt im Interview mit BitcoinBasis, warum ein Start wie 2014 heute kaum noch möglich wäre, wo Coinfinity künftig wachsen will und weshalb ausgerechnet Immobilienverkäufe derzeit eine wichtige Rolle bei größeren Bitcoin-Investments spielen.

Hallo Herr Ortner, könnten Sie sich kurz vorstellen?

Ich bin Raimund Ortner, seit März 2023 bei Coinfinity, zuletzt als Head of Business & Wealth. Seit 1. Oktober 2026 führe ich gemeinsam mit Stefan Grill die Geschäfte. Ich verantworte den Kundenbereich, also Firmenkunden, vermögende Privatpersonen und den Außenauftritt des Unternehmens, von Podcasts über Konferenzen bis zu den vielen persönlichen Kundenterminen.

Bitcoin begleitet mich schon lange, beruflich wie privat. Mich interessiert besonders die makroökonomische Seite, warum Bitcoin als Vermögenswert für eine breite Anlegerschaft Sinn ergibt. Bodenständig, verlässlich und mit Integrität, das ist mir wichtig.

Was wird sich unter Ihrer Geschäftsführung bei Coinfinity konkret verändern?

Für unsere Kundinnen und Kunden ändert sich operativ erst einmal wenig. Das ist auch so gewollt. Mit Stefan Grill bilde ich eine Doppelspitze. Er kümmert sich weiterhin um den Betrieb im Inneren, ich um den Kundenbereich und den Außenauftritt. In meiner neuen Funktion möchte ich mit meiner Erfahrung und Kundenorientierung “mehr Zug zum Markt” erzielen. Angefangen von neuen Produkten und Features, sollen sich vor allem klassische Anleger angesprochen fühlen. Dahingehend bringe ich natürlich meinen eigenen Stil ein. Eines ist jedoch klar, wir wollen das Momentum nutzen.

Sie haben das Ziel, Coinfinity zum „vollumfänglichen Bitcoin-Partner“ auszubauen, was bedeutet das ganz konkret?

Wir wollen jeden Punkt rund um Bitcoin abdecken, vom ersten Kauf für Privatpersonen bis zu komplexen Lösungen für Unternehmen und institutionelle Kunden. Kauf und Verkauf, sichere Verwahrung, Beratung und individuelle Betreuung.

Als Bitcoin Only ist es uns wichtig bei Bitcoin die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken, so dass wir für jede Kundin und jeden Kunden der erste Ansprechpartner sind, egal ob Privatperson, Unternehmen oder Institution. Dazu gehört für uns auch Bildung. Mit unseren Blinks, Research Papers oder Bitcoin-Marktreports geben wir das Wissen weiter, das es braucht, um Bitcoin vollumfänglich zu verstehen.

Genau das ist auch der Kern unserer Mission „Bringing Bitcoin to the People“, Bitcoin für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.

Das Thema MiCAR ist derzeit wichtig im Rahmen der Regulierung: Was war Ihre größte Hürde auf dem Weg zur MiCAR-Zulassung?

Die größte Herausforderung war der Umfang der Dokumentations-, Governanceund Risikomanagement-Anforderungen, die MiCAR von uns verlangt. Von internen Kontrollprozessen bis zu Nachweispflichten, die weit über das hinausgehen, was wir bisher als national reguliertes Unternehmen kannten.

Wir konnten dabei auf über zehn Jahre Erfahrung aufbauen, anders als ein Startup, das heute bei null beginnt. Trotzdem war der Aufwand, sämtliche Prozesse MiCAR-konform zu dokumentieren und zu belegen, nicht unwesentlich.

Wie hoch ist der tatsächliche personelle und finanzielle Aufwand, den MiCA für einen Anbieter wie Coinfinity verursacht?

Der Aufwand war auf allen Ebenen spürbar. Zusätzliches Personal für Compliance und Legal, mehrere Monate Vorbereitungszeit und ein signifikanter Betrag an direkten und indirekten Kosten, von Rechtsberatung bis zu internen Prozess- und IT-Anpassungen.

Für ein Unternehmen unserer Größe mit 35 Mitarbeitern ist das eine erhebliche Investition. Wir sind jedoch froh, den vollen Fokus nun auf unser Kerngeschäft richten zu können

Könnte ein kleines Bitcoin-Startup heute unter den aktuellen regulatorischen Anforderungen überhaupt noch so starten wie Coinfinity 2014?

Um ehrlich zu sein, nicht mehr auf dieselbe Art. 2014 konnte Coinfinity als kleines Team mit Bitcoin Begeisterung und Bodenständigkeit starten und organisch wachsen.

Heute bringen MiCAR, DORA und die Travel Rule zusammen eine regulatorische Eintrittshürde mit sich, die entsprechende Kapitalanforderungen und eine ausgebaute Compliance-Infrastruktur voraussetzt, Ressourcen, die ein Startup am ersten Tag kaum hat.

Innovation ist damit nicht unmöglich, aber der Einstieg ist heute eher etwas für potentielle Marktteilnehmer mit Kapital im Rücken oder für Partnerschaften mit bereits regulierten Anbietern. Umso mehr schätzen wir, dass wir diesen Weg schon 2014 gehen konnten.

Raimund Ortner vor dem Coinfinity Büro
Raimund Ortner vor dem Coinfinity Büro

Wird Coinfinity trotz der breiteren Möglichkeiten der MiCAR-Lizenz dauerhaft Bitcoin-only bleiben?

Ja. Unser Bitcoin-Fokus ist eine bewusste Haltung, das war schon vor MiCAR so und bleibt auch jetzt so. Die MiCAR-Lizenz würde uns zwar erlauben, das Angebot auf andere Kryptowerte auszuweiten. Das ist aber nicht unser Weg.

Unsere Stärke liegt darin, uns auf Bitcoin zu konzentrieren und das aus tiefster Überzeugung. Bitcoin als jüngstes Asset mit seinen Eigenschaften ist auch nicht „reproduzierbar“. Ich persönlich interpretiere Bitcoin auch als digitalen Rohstoff.

Welche Entwicklung beobachten Sie derzeit bei Unternehmen und Privatkunden, die Bitcoin kaufen möchten?

Wir sehen auf beiden Seiten wachsendes Interesse, allerdings mit unterschiedlichen Motiven. Bei Unternehmen und vermögenden Privatkunden geht es zunehmend um strategische Bitcoin-Allokation als Teil der Vermögensdiversifikation.

Unfassbar spannend ist die Beobachtung, dass sich in diesem Jahr der Trend vom Immobilienverkauf zum Vorteil von Bitcoin gestaltet hat. Die mit Abstand größten Mittel zum Bitcoin Kauf stammen aus dem Veräußerungsprozess von Immobilien.

Bei Privatkunden im klassischen Retail-Segment sehen wir einen Reifeprozess. Bitcoin wird weniger als Spekulationsobjekt und vermehrt als langfristiger Wertspeicher wahrgenommen. Insgesamt nimmt die Akzeptanz gegenüber Bitcoin in der Anlegerschaft von Jahr zu Jahr zu.

Für mich sticht dabei aktuell besonders ein Aspekt hervor und zwar die machtpolitische Neutralität von Bitcoin, also dass kein einzelner Akteur das Netzwerk kontrolliert oder nach eigenem Ermessen verändern kann.

Wo soll Coinfinity in fünf Jahren stehen?

Wir wollen der vollumfängliche Bitcoin-Partner für den europäischen Raum sein, für Privatpersonen genauso wie für Unternehmen und Institutionen. Das heißt eine noch breitere Angebotspalette, aber ohne unsere Grundwerte zu verlieren. Kreativität, Integrität, Zuverlässigkeit, Kundennähe.

Technologisch wollen wir an der Spitze bleiben, etwa durch die Rolle, die Max Tertinegg jetzt im Bereich Künstliche Intelligenz bei uns einnimmt. Und wir wollen weiter in Bildungsinhalte investieren, denn unsere Mission „Bringing Bitcoin to the People“ ist noch lange nicht erfüllt.

Wenn Sie heute nochmal starten könnten, was würden Sie verändern?

Vieles würde ich genauso wieder machen. Der bodenständige, wertorientierte Ansatz war und ist unser größter Erfolgsfaktor.

Wir bedanken uns für das Interview!

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