Coldcard-Hack 130 Mio Dollar weg löst Bitcoin-Run aus

Coldcard-Hack 130 Mio Dollar weg löst Bitcoin-Run aus
Coldcard-Hack 130 Mio Dollar weg löst Bitcoin-Run aus (BitcoinBasis.de | Image GPT - KI generiert)

Die Sicherheitskrise rund um die Hardware-Wallet Coldcard entwickelt sich zu einem der schwerwiegendsten Bitcoin-Vorfälle der letzten Jahre. Nach aktuellen Schätzungen wurden bereits mindestens 1.596 BTC von rund 7.300 Adressen gestohlen. Sollte sich eine weitere vermutete Angriffswelle bestätigen, könnte der Schaden auf 2.055 BTC steigen – das entspricht rund 130 Millionen US-Dollar. Für viele Anleger hat der Vorfall weitreichende Folgen: Sie verlagern ihre Coins hastig in neue Wallets, auf Börsen oder denken sogar über Bitcoin-ETFs nach.

Wie der Coldcard-Fehler zum Millionenproblem wurde

Nach Angaben von Galaxy Research gehen die bestätigten Verluste auf drei große Angriffswellen und mehrere kleinere Vorfälle zurück. Mindestens 73 Betroffene haben sich bereits bei den Forschern gemeldet, wodurch weitere Muster erkannt wurden. Inzwischen wird vermutet, dass mindestens 15 Angreifer die Schwachstelle aktiv ausnutzen.

Der Grund für das Problem liegt in einem Firmware-Fehler aus dem März 2021. Durch einen Programmierfehler erzeugten manche Geräte ihre Recovery-Seeds nicht mit ausreichend starker Zufälligkeit aus dem Hardware-Zufallszahlengenerator. Stattdessen kam in bestimmten Fällen ein schwächerer Software-Prozess zum Einsatz.

Das hatte gravierende Folgen: Einige Seeds besaßen deutlich weniger mögliche Kombinationen als vorgesehen. Dadurch konnten Angreifer die privaten Schlüssel aus der Ferne rekonstruieren – ohne das Gerät physisch zu besitzen und ohne die Recovery-Wörter des Nutzers zu kennen.

Zwar verhindert ein Firmware-Update, dass künftig weitere unsichere Seeds erzeugt werden. Bereits betroffene Wallets bleiben jedoch verwundbar, solange die darin liegenden Bitcoin nicht auf eine neue Adresse mit einem sicher erzeugten Seed übertragen werden.

Der Hersteller Coinkite rät deshalb dazu, die Sicherheitsaktualisierung zu installieren, einen komplett neuen Seed zu erzeugen und die Bestände umgehend zu transferieren. Wichtig ist dabei: Wer nur den alten Seed in ein anderes Gerät importiert, beseitigt das Problem nicht.

Massenhafte Bitcoin-Transfers belasten das Netzwerk und treiben Coins auf Börsen

Die hektische Flucht aus potenziell unsicheren Wallets ist inzwischen deutlich auf der Blockchain sichtbar. Laut Santiment stieg die Zahl aktiver Bitcoin-Adressen in den vergangenen sieben Tagen auf 712.000 – der höchste Stand seit drei Monaten. Auch große Transaktionen über 100.000 US-Dollar zogen kräftig an.

CryptoQuant sieht in der Coldcard-Krise den wichtigsten Treiber dieser Entwicklung. Viele Nutzer verschieben ihre Coins in neu erstellte Wallets, bündeln Guthaben oder senden ihre Bitcoin vorübergehend an zentrale Handelsplattformen. Besonders auffällig: Das Volumen bei kleineren Transaktionen unter 100.000 US-Dollar erreichte 3,2 Milliarden US-Dollar und damit den höchsten Wert seit November 2024.

Auch langfristige Bitcoin-Halter bewegten zuletzt deutlich mehr Bestände. Das bedeutet aber nicht automatisch Verkaufsdruck. On-Chain sieht auch ein reiner Sicherheitsumzug wie eine Ausgabe von Coins aus, obwohl der Eigentümer derselbe bleibt.

Gleichzeitig führte die Migrationswelle zu spürbarer Überlastung im Netzwerk. Die Zahl der wartenden Bitcoin-Transaktionen im Mempool sprang von rund 33.000 auf 96.000. Viele Nutzer versuchen zur selben Zeit, ihre Bestände in Sicherheit zu bringen.

Ein Teil dieser Gelder landet vorübergehend auf zentralen Börsen. Zwischen dem 28. Juli und dem 3. August stiegen die Bitcoin-Reserven der Exchanges laut CryptoQuant um etwa 17.500 BTC. Rund 51 Prozent dieses Nettozuflusses entfielen auf Binance. Das erhöht kurzfristig die Menge an Bitcoin, die direkt handelbar ist, auch wenn daraus noch kein sicherer Verkaufswille abgeleitet werden kann.

Zusätzlich verschärft sich das Risiko durch Phishing-Angriffe. Kriminelle nutzen die Unsicherheit aus und verbreiten gefälschte Anleitungen zur Wallet-Migration oder geben sich als Support-Mitarbeiter aus. Der Hardware-Wallet-Anbieter Trezor warnte deshalb ausdrücklich davor, Recovery-Seeds in Webseiten, Apps oder Formulare einzugeben oder auf Anweisungen aus E-Mails und Nachrichten zu vertrauen.

Warum der Vorfall die Debatte um ETFs neu entfacht

Die Coldcard-Krise könnte die Diskussion über Self-Custody und institutionelle Verwahrung nachhaltig verändern. Jahrelang galt in der Bitcoin-Szene das Motto: „Not your keys, not your coins“. Der aktuelle Vorfall zeigt jedoch, dass auch die Selbstverwahrung Risiken birgt – besonders dann, wenn Nutzer einem einzelnen Hardware-Hersteller und dessen Technik vertrauen.

Genau hier sehen Marktbeobachter nun eine neue Chance für Spot-Bitcoin-ETFs. Bloomberg-Analyst Eric Balchunas meint, dass der Vorfall einige Anleger dazu bewegen könnte, statt einer eigenen Wallet lieber regulierte Finanzprodukte zu nutzen. Dort halten große institutionelle Verwahrer die zugrunde liegenden Bitcoin.

Das widerspricht zwar dem klassischen Bitcoin-Ideal der vollständigen Eigenkontrolle. Doch aus Sicht vieler Anleger wirken große Finanzhäuser mit eingespielten Sicherheits- und Kontrollstrukturen unter Umständen verlässlicher als ein kleiner Hardware-Wallet-Anbieter.

ETF-Verwahrung ist nicht risikofrei, aber sie verschiebt die Verantwortung. Im Fall eines größeren Problems wären Fondsanbieter, Verwahrer und Aufsichtsbehörden sofort eingebunden. Bei einer kompromittierten Self-Custody-Wallet hingegen trägt der Anleger das operative Risiko weitgehend selbst.

Noch gibt es keine Belege dafür, dass Coldcard-Nutzer in großer Zahl direkt in ETFs wechseln. Dennoch verändert der Vorfall die Wahrnehmung spürbar. Für viele Betroffene erscheint der Weg über Börsen oder regulierte Produkte derzeit einfacher, als unter Zeitdruck eine sichere neue Wallet-Struktur aufzubauen und sich gleichzeitig gegen Phishing zu schützen.

Damit könnte ausgerechnet eine Krise bei einem beliebten Self-Custody-Anbieter dazu führen, dass mehr Bitcoin wieder in die Hände von Wall Street wandert.

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