Bitcoin hat sich im zweiten Quartal deutlich von den großen US-Aktienindizes gelöst. Während die tägliche Korrelation zum S&P 500 laut einem gemeinsamen Bericht von Coinbase Institutional und Glassnode bis Ende Juni auf 0,12 fiel, lag sie im vierten Quartal 2025 noch bei 0,58. Auch die Verbindung zum Nasdaq war mit 0,21 vergleichsweise schwach. Gleichzeitig näherte sich Bitcoin stärker den Edelmetallen an: Die Korrelation zu Gold stieg auf 0,57, zu Silber sogar auf 0,63. Das ist ein wichtiger Wechsel im Marktbild. Denn damit hängt Bitcoin kurzfristig weniger an der KI-Aktienrally der vergangenen Jahre – und stärker an klassischen Makrofaktoren wie Zinsen, Dollar und Rohstoffpreisen.
Bitcoin folgt nicht mehr den KI-Aktien, sondern dem Makro-Umfeld
Der neue Zusammenhang mit Gold und Silber zeigt: Bitcoin wird derzeit stärker von Realzinsen, Liquidität und Dollarstärke beeinflusst als von der Entwicklung großer Tech-Werte. Im zweiten Quartal gerieten sowohl Gold als auch Bitcoin unter Druck, weil ein festerer US-Dollar und eine straffe Haltung der US-Notenbank auf beide Anlageklassen lasteten.
Das verändert auch den Blick auf einen möglichen Ausverkauf bei KI-Aktien. Früher galt oft die Annahme, dass Schwäche bei überteuerten Tech-Werten Kapital in Krypto umleiten könnte. Heute ist das nur noch unter bestimmten Bedingungen plausibel. Bitcoin profitiert nur dann von fallenden KI-Aktien, wenn dadurch auch Anleiherenditen sinken und der Dollar schwächer wird.
Kommt der Druck auf Tech-Aktien dagegen von hartnäckiger Inflation, Zöllen, steigenden Energiekosten oder hohen Infrastrukturinvestitionen, kann das Gegenteil passieren: Renditen steigen, der Dollar legt zu, und sowohl Bitcoin als auch Gold geraten gemeinsam unter Druck.
Passend dazu verweisen die Analysten von Coinbase Institutional und Glassnode auf On-Chain-Daten, die auf eine Akkumulationsphase hindeuten. Coins, die zuletzt innerhalb der vergangenen drei Monate bewegt wurden, liegen demnach auf Mehrjahrestiefs. Gleichzeitig nimmt das ruhende Angebot zu. Solche Muster waren in der Vergangenheit oft in Phasen zu sehen, in denen langfristige Investoren einsammelten.
Warum Öl jetzt zur Schlüsselfrage für Bitcoin wird
Entscheidend für das dritte Quartal könnte der Ölpreis werden. Die US-Energiebehörde EIA hatte Anfang Juli für Brent im dritten Quartal noch einen Durchschnittspreis von 74 Dollar je Barrel als Basisszenario genannt. Inzwischen lag Brent zeitweise aber über 100 Dollar und notierte am 24. Juli noch immer bei rund 96 Dollar.
Genau darin liegt das Risiko für Bitcoin. Bleibt Öl hoch, steigen die Sorgen vor anhaltender Inflation. Das könnte die US-Notenbank in ihrer vorsichtigen Haltung bestätigen und die Markterwartung „higher for longer“ bei den Zinsen stützen. Die Folge: höhere Renditen bei US-Staatsanleihen, ein stärkerer Dollar und Gegenwind für Bitcoin.
Sinkt Öl dagegen wieder klar in Richtung 74 Dollar, würde das den Inflationsdruck entspannen. Dann könnten Renditen nachgeben und knappe Anlageklassen wie Gold, Silber und eben auch Bitcoin wieder attraktiver werden. Der Ölpreis entscheidet damit maßgeblich, ob die Loslösung von KI-Aktien für Bitcoin zur Chance oder zur Falle wird.
Hinzu kommt eine besonders wichtige Woche für die Märkte: Die US-Notenbank tagt Ende Juli, während Microsoft und Meta ihre Zahlen am 29. Juli vorlegen und Amazon am 30. Juli folgt. Gleichzeitig stehen die massiven KI-Investitionen der großen Tech-Konzerne immer stärker auf dem Prüfstand. Alphabet hat seine Investitionsprognose für 2026 bereits auf 195 bis 205 Milliarden Dollar erhöht. Branchenweit könnte Big Tech in diesem Jahr mehr als 700 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur stecken.
Was Anleger jetzt im Blick behalten sollten
Für Bitcoin ergeben sich daraus im Kern drei Szenarien. Im positiven Fall fallen KI-Aktien wegen überzogener Bewertungen, während Inflation und Ölpreis nachgeben. Dann könnten Renditen sinken, der Dollar schwächer werden und Kapital in knappe Assets fließen. In diesem Umfeld hätte Bitcoin zusammen mit Gold und Silber Aufwärtspotenzial.
Im negativen Fall geraten KI-Aktien unter Druck, weil Energiepreise, Zölle und Infrastrukturkosten die Inflation hoch halten. Dann steigen Renditen und Dollar, während Bitcoin trotz seiner Entkopplung vom Nasdaq ebenfalls fallen könnte – zusammen mit den Edelmetallen.
Ein drittes, eher neutrales Szenario wäre, dass starke Quartalszahlen und glaubwürdige Renditeaussichten die Tech-Werte stabilisieren. Dann könnte Bitcoin zwar von der Nasdaq entkoppelt bleiben, aber trotzdem unter dem anhaltenden Makrodruck leiden.
Auch die ETF-Flüsse liefern erste Hinweise, aber noch kein klares Signal. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im ersten Halbjahr netto Abflüsse, ehe sich die Lage im Juni etwas stabilisierte. Bis zum 22. Juli gab es sieben Tage in Folge Zuflüsse von fast 1 Milliarde Dollar, bevor die Serie am 23. Juli mit Abflüssen von 225 Millionen Dollar endete. Das spricht für eine leichte Stabilisierung der Nachfrage, aber noch nicht für einen klaren Kapitalwechsel von KI-Aktien in Krypto.
Unterm Strich ist die neue Lage für Bitcoin komplexer, als sie auf den ersten Blick wirkt. Die schwächere Verbindung zu Tech-Aktien ist nicht automatisch bullisch. Bitcoin handelt aktuell stärker auf denselben Makrokanal wie Gold: Realzinsen, Dollar und Inflation. Deshalb ist die entscheidende Frage für die kommenden Monate nicht nur, ob KI-Aktien fallen – sondern warum sie fallen. Die Antwort darauf dürfte zuerst der Ölmarkt geben.