Stablecoins sind aus Sicht der Bank für International Settlements (BIS) längst mehr als ein Krypto-Zahlungsmittel. In einem am 23. Juni 2026 veröffentlichten Kapitel ihres Annual Economic Report verweist die BIS auf neue Forschung, die Stablecoin-Flows mit klassischen Märkten verbindet.
Besonders konkret: Ein aggregierter Stablecoin-Zufluss von 3,5 Milliarden US-Dollar kann laut einer BIS-Arbeit die Rendite dreimonatiger US-Treasury-Bills innerhalb von zehn Tagen um bis zu vier Basispunkte drücken. Der unmittelbare Effekt wird auf etwa 0,71 Basispunkte beziffert. Die Auswertung basiert auf täglichen Daten von Januar 2021 bis März 2026.
Stablecoin-Zuflüsse wirken dort, wo Emittenten Reserven halten
Die BIS ordnet den Mechanismus klar ein: Große Stablecoin-Emittenten halten ihre Reserveportfolios vor allem in Cash, Repo, Geldmarktfonds und kurzlaufenden Staatsanleihen. Genau dieser „vordere“ Bereich der Staatsanleihekurve reagiert in der Studie besonders stark, weil dort die Reserven mit hoher Wahrscheinlichkeit allokiert werden. Der Effekt ist laut BIS zudem ausgeprägter, wenn Intermediäre am Treasury-Markt unter Stress stehen oder wenn der Stablecoin-Sektor insgesamt wächst.
Gleichzeitig betont die BIS, dass die gemessene Wirkung sample-spezifisch sei und nicht als allgemeine Regel für jeden einzelnen Stablecoin-Flow verstanden werden dürfe. Der Befund zeigt aber, warum Notenbanken die Entwicklung als Teil moderner Dollar-Liquidität beobachten: Stablecoin-Wachstum kann sich über die Reserveanlage auf Geldmarktsätze übertragen.
Rücknahmen können Verkäufe auslösen – und Stress verstärken
Die BIS verweist in einer weiteren Arbeit darauf, dass große Rücknahmen Emittenten dazu zwingen können, Cash-Puffer zu nutzen oder kurzlaufende Anleihen zu verkaufen. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die für Regulierer zentral ist: Wie robust sind Reserve- und Liquiditätsregeln, wenn ein Stablecoin in einer Stressphase gleichzeitig viele Rückgaben bedienen muss?
Die BIS sieht dabei Zielkonflikte. Liquiditäts- und Kapitalgrenzen können Ausfall- und Spillover-Risiken senken, wenn sie als nutzbare Puffer wirken. Starre Regeln wiederum können laut BIS dazu führen, dass Emittenten in angespannten Phasen zu früh in Verkäufe gedrängt werden und damit Marktstress verstärken.
Auch FX-Märkte betroffen – und Regulierung rückt nach
Eine separate BIS-Studie zu Stablecoin-Flows und Devisenmärkten kommt zu dem Ergebnis, dass Schocks bei Nettozuflüssen Abweichungen vom Dollar-Paritätskurs vergrößern, lokale Währungen beeinflussen und kurzfristige Dollar-Funding-Prämien verändern können. Die BIS stellt zugleich klar: Nicht jeder Stablecoin-Transfer ist ein makroökonomisches Ereignis. Die Ergebnisse erklären aber, warum Zentralbanken diese Flows als Teil der Dollar- und FX-Infrastruktur untersuchen.
Die Größenordnung ist inzwischen relevant: Am 26. Juni 2026 lag die Marktkapitalisierung von Tether (USDT) bei rund 186,08 Milliarden US-Dollar, das 24-Stunden-Handelsvolumen bei rund 84,95 Milliarden US-Dollar. USDC kam auf knapp 73,68 Milliarden US-Dollar Marktwert und 15,54 Milliarden US-Dollar tägliches Volumen. Zusammen erreichen die beiden größten Dollar-Stablecoins damit rund 259,76 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung und mehr als 100 Milliarden US-Dollar Tagesumsatz.
Politisch wird das Feld parallel enger abgesteckt. In den USA zielt der GENIUS Act auf 100-prozentige liquide Deckung und monatliche Reserveoffenlegungen; zugleich wird die Idee betont, regulierte Stablecoins könnten die Nachfrage nach Treasuries und dem US-Dollar stützen. In Europa hat die EU-Kommission 2026 eine Überprüfung des MiCA-Rahmens angestoßen, inklusive Asset-Referenced Tokens und E-Money Tokens. Die EZB hat Stablecoins zudem in die geldpolitische Debatte eingeordnet, weil dollar-denominierte Token Fragen zur monetären Souveränität und zur Nachfrage nach Staatsanleihen aufwerfen.
Während Stablecoins regulatorisch sortiert werden, arbeitet die BIS an Alternativen für den Interbankenbereich: Project Agora, ein Innovation-Hub-Projekt mit Zentralbanken und mehr als 40 regulierten Finanzinstituten, testet Wholesale-Cross-Border-Payments mit tokenisierten Bankeinlagen und tokenisierten Zentralbankreserven auf einer gemeinsamen Plattform. Am 27. Mai 2026 teilte die BIS mit, bereits eine atomare Multiwährungs-Abwicklung demonstriert zu haben.
Für Märkte und Aufseher bleibt damit eine Frage entscheidend: Wie stark wachsen Stablecoins weiter – und wie verhalten sich Reserven und Rückgaben, wenn es im Treasury- oder Funding-Markt erneut eng wird?