Die Auseinandersetzung um den spektakulären Liquid-Exploit ist noch lange nicht beendet. Nachdem die selbsternannten „White-Hat“-Hacker 3.400 der zuvor abgezogenen rund 4.000 Bitcoin zurückgegeben haben, fordern sie nun offenbar eine Bug-Bounty in Höhe von 10 Prozent von Blockstream. Rund 598,5 BTC im aktuellen Gegenwert von etwa 47 Millionen Dollar bleiben dabei das entscheidende Druckmittel.
In einer neuen On-Chain-Nachricht werfen die Angreifer Blockstream zudem vor, zu wenig Geld in die Absicherung von Liquid investiert zu haben. Die geforderte Prämie solle ausdrücklich aus Mitteln von Blockstream stammen. Andernfalls, so die Darstellung der Gruppe, würden letztlich die Nutzer die noch offene Lücke von rund 15 Prozent tragen.
Damit verschiebt sich der Konflikt: Es geht nicht mehr nur darum, wie der schwerwiegende Softwarefehler entstehen konnte. Entscheidend ist jetzt, wer für die fehlenden knapp 600 Bitcoin aufkommt und wie Liquid seine versprochene 1:1-Deckung von L-BTC wiederherstellt.
598 Bitcoin bleiben offen – Blockstream steht unter Druck
Der Angriff ereignete sich am 6. September (wir berichteten). Wie Liquid inzwischen in seinem offiziellen Incident Report bestätigt hat, nutzten die Angreifer eine Schwachstelle bei der Zwischenspeicherung sogenannter Range-Proof-Verifizierungen in der Open-Source-Software Elements aus. Dadurch konnten rund 4.000 L-BTC entstehen, für die keine entsprechenden Bitcoin in der Reserve hinterlegt waren.
Über den Peg-out-Service von SideSwap wurden diese nicht gedeckten L-BTC anschließend gegen echte BTC eingelöst. Dabei wurden keine privaten Schlüssel der Liquid Federation oder von SideSwap kompromittiert. Die Schwachstelle lag auf Ebene der Transaktionsvalidierung.
Von den rund 4.000 abgezogenen BTC schickten die Angreifer am 7. September exakt 3.400 BTC an die Federation zurück. Rund 598,5 BTC, also ungefähr 15 Prozent der ursprünglichen Summe, befinden sich weiterhin unter ihrer Kontrolle. Blockstream und die Gruppe verhandelten danach weiter über verschlüsselte Nachrichten, die über Bitcoin-Transaktionen ausgetauscht wurden.
Beim aktuellen Bitcoin-Kurs von rund 79.000 Dollar entspricht der offene Betrag ungefähr 47 Millionen Dollar.
Die neue 10-Prozent-Forderung ist deshalb brisant. Falls sich diese Quote auf die ursprünglich abgezogenen rund 4.000 BTC bezieht, würde die verlangte Belohnung ungefähr 400 BTC beziehungsweise rund 32 Millionen Dollar betragen. Die Hacker wollen nach eigener Darstellung jedoch verhindern, dass diese Kosten von den L-BTC-Inhabern getragen werden.
Die 5-Milliarden-Dollar-Kritik braucht eine wichtige Einordnung
Besonders scharf greifen die selbsternannten White Hats Blockstream bei den angeblichen Sicherheitsausgaben an. Sie behaupten, das Unternehmen habe lediglich rund 1,5 Millionen Dollar, womöglich sogar weniger, für die Absicherung eines Systems ausgegeben, auf dem Vermögenswerte im Milliardenbereich liegen.
Dabei muss allerdings zwischen verschiedenen Zahlen unterschieden werden. Blockstream selbst erklärte im Mai 2026, dass Liquid mehr als 5 Milliarden Dollar an tokenisierten Real-World Assets unterstützt. Dazu gehören unter anderem tokenisierte Kredite, Wertpapiere und andere Finanzprodukte.
Diese 5 Milliarden Dollar entsprechen jedoch nicht den Bitcoin-Reserven, die bei dem Exploit abgezogen wurden. Vor dem Angriff lagen rund 4.205 BTC in der Federation-Reserve. Zudem erklärte Liquid ausdrücklich, dass andere Assets auf dem Netzwerk wie USDT, DePix und tokenisierte Real-World Assets durch die konkrete Schwachstelle nicht direkt betroffen waren.
Die 5-Milliarden-Dollar-Zahl ist damit vor allem Teil der Kritik der Hacker an Blockstreams Sicherheitsstrategie und darf nicht so verstanden werden, als seien beim Exploit Assets im Wert von 5 Milliarden Dollar gestohlen worden.
Unabhängig davon trifft die Kritik einen empfindlichen Punkt: Liquid wurde von Blockstream noch wenige Monate vor dem Vorfall als Infrastruktur mit starkem Sicherheitsfokus und Milliardenwerten auf dem Netzwerk positioniert. Der nun bestätigte Fehler im Elements-Code erlaubte es dennoch, praktisch die gesamte damalige BTC-Reserve über einen legitim erscheinenden Peg-out abzuziehen.
Diese Frage entscheidet jetzt über die Zukunft von L-BTC
Noch heikler wird die Situation durch die Drohung der Angreifer, den privaten Schlüssel zu veröffentlichen, mit dem sich Teile der zuvor verschlüsselten Kommunikation mit Blockstream entschlüsseln lassen sollen. Bereits am Dienstag hatten die Hacker angekündigt, weitere Nachrichten nur noch im Klartext zu veröffentlichen.
Damit könnte der bisher teilweise vertrauliche Teil der Verhandlungen öffentlich werden. Welche konkreten Bedingungen dort bereits diskutiert oder möglicherweise angeboten wurden, ist bislang nicht öffentlich bestätigt.
Genau deshalb sollte auch die Bezeichnung „White Hat“ mit Vorsicht verwendet werden. Die Gruppe bezeichnet sich selbst so. Blockstream und Liquid sprechen ebenfalls von vermeintlichen beziehungsweise selbsternannten White-Hat-Hackern. Eine öffentlich bestätigte Vereinbarung, wonach die Angreifer 598,5 BTC als legitime Belohnung behalten dürfen, existiert bislang nicht.
Liquid bleibt unterdessen offline. Laut dem offiziellen Incident Report arbeitet Blockstream an Elements Version 23.3.4 und an der Wiederherstellung eines korrigierten Netzwerkzustands. Besonders entscheidend: Liquid nennt ausdrücklich die Wiederaufnahme des Betriebs mit einer 1:1-Deckung von L-BTC durch Bitcoin als Ziel.
Damit läuft alles auf die Frage hinaus, wer die noch fehlenden Bitcoin bereitstellt. Stimmen Blockstream und die Hacker einer 10-Prozent-Belohnung zu, könnte sich ein Weg zur vollständigen Rückgabe öffnen. Scheitern die Verhandlungen, müsste die verbleibende Lücke auf anderem Weg geschlossen werden.