Bei Zcash ist eine schwerwiegende Sicherheitslücke bekannt geworden: In der „Orchard“-Shielded-Pool-Technik hätte ein Angreifer theoretisch unbegrenzt neue ZEC erzeugen können, ohne dass das Netzwerk es sicher bemerkt. Der Bug wurde am 29. Mai entdeckt, innerhalb weniger Tage mit einem Notfall-Update behoben und sorgt nun für eine heikle Debatte: Wie lässt sich die Gesamtmenge einer Privacy-Coin zuverlässig beweisen, wenn Beträge und Transaktionsdaten absichtlich verborgen sind?
Orchard-Bug: Unbegrenzte ZEC wären möglich gewesen
Laut einer neuen Veröffentlichung von Zooko Wilcox, Jason McGee und dem Security-Researcher Taylor Hornby steckte die Schwachstelle in den Regeln des Orchard-Systems, also in dem „Circuit“, der festlegt, welche shielded Transaktionen als gültig gelten. Hornby wurde im April 2026 von Shielded Labs engagiert, um genau nach solchen Protokoll-Problemen zu suchen, bevor Kriminelle sie finden.
Der Fund kam unter Zeitdruck zustande: Hornby kombinierte klassische Security-Arbeit mit KI-gestütztem Audit. Nach dem Release des KI-Modells Opus 4.8 (Anthropic) am 28. Mai setzte er es gezielt für eine Prüfung des Orchard-Circuits ein. Einen Tag später meldete er den kritischen Fehler an das Zcash Open Development Lab (ZODL), das anschließend mit anderen Beteiligten eine schnelle Notfall-Reaktion koordinierte. Bis Anfang Juni war der Fix ausgerollt.
Besonders brisant: Hornby soll einen vollständigen Exploit gebaut und in einer lokalen Testumgebung ausprobiert haben. Dabei habe er unbegrenzt „gefälschte“ ZEC erzeugen können, ohne dass es im System auffiel. Der Kern des Problems war nach der Beschreibung ein zu locker „abgesicherter“ Bestandteil des Circuits. Dadurch konnten falsche Eingaben in eine elliptische Kurvenberechnung geschleust werden, während die Prüfung dennoch erfolgreich war.
Die Lücke existierte demnach seit der Aktivierung von Orchard im Mai 2022 und blieb bis zum Notfall-Fix Anfang Juni 2026 möglich. Das ist der Zeitraum, der jetzt viele Fragen aufwirft.
Warum man bei Privacy-Coins nicht einfach „nachzählen“ kann
In transparenten Blockchains lässt sich die Geldmenge in der Regel durch öffentliche Daten überprüfen. Zcashs Orchard-Pool ist aber genau dafür gebaut, Beträge und Historie zu verstecken. Das schützt die Privatsphäre, hat aber eine Kehrseite: Wenn die Regeln im Circuit einen Fehler haben, kann das im schlimmsten Fall die Angebots-Integrität treffen. Und weil alles abgeschirmt ist, fehlt ein einfaches, öffentliches „Warnsignal“.
Josh Swihart (CEO von ZODL) erklärte das Problem sinngemäß so: Eine shielded Transaktion enthält einen kryptografischen Beweis, dass sie den Regeln folgt. Wenn eine Regel zu großzügig formuliert ist, kann das System dazu gebracht werden, falsche Informationen zu akzeptieren. Wichtig dabei: Laut Swihart lag der Fehler nicht in der Kryptografie selbst oder in der Proof-Engine, sondern in den handgeschriebenen Regeln, die festlegen, was als korrekt gilt.
Shielded Labs hält eine frühere Ausnutzung für eher unwahrscheinlich, betont aber zugleich, dass das keine harte Gewissheit ist. Der unangenehme Punkt bleibt: Wegen der Privatsphäre-Eigenschaften von Orchard gibt es laut Veröffentlichung keine rein kryptografische Methode, im Nachhinein zweifelsfrei zu beweisen, ob jemand den Bug bereits ausgenutzt hat, bevor er geschlossen wurde.
Diskussion um Upgrade: Neuer Pool und „formale Verifikation“
Als Reaktion prüfen die Beteiligten eine größere technische Maßnahme: Ein neuer shielded Pool könnte eingeführt werden, ergänzt durch eine Art „Turnstile“-Accounting für Coins, die aus dem bisherigen Orchard-Pool herauswandern. Ziel wäre, die Zcash-Geldmenge künftig wieder nachvollziehbar abzusichern und die Nicht-Existenz von gefälschten Coins in Orchard besser belegen zu können. Details sollen in einem weiteren Beitrag folgen, außerdem müsste ein solches Upgrade durch den üblichen Community- und Governance-Prozess.
Parallel rückt ein anderes Schlagwort in den Mittelpunkt: formale Verifikation. Swihart argumentiert, dass sich diese Fehlerklasse am besten verhindert, wenn die Regeln nicht nur von Menschen geprüft, sondern mathematisch bewiesen und anschließend von Computern vollständig verifiziert werden. Shielded Labs will laut Text die Sicherheitsarbeit ausbauen, die formale Verifikation des Orchard-Circuits beschleunigen und sucht zusätzlich nach einem Head of Security und einem Kryptografen.
Am Markt hat die Nachricht bereits Spuren hinterlassen: In den letzten 24 Stunden fiel ZEC laut Bericht zeitweise um fast 45 Prozent und notierte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bei rund 337 US-Dollar.