XRP steht vor einer ungewöhnlichen Konstellation: Während sich der Kurs weiterhin um 1,40 US-Dollar hält, kehrt Kapital in den Derivatemarkt zurück und aggressive Marktteilnehmer bleiben klar auf der Verkäuferseite. Besonders brisant ist die Kombination aus wieder steigendem Open Interest und einem neuen Tief beim Perpetual CVD.
Am 7. September notiert XRP bei rund 1,40 US-Dollar und damit etwa 1,3 Prozent unter dem Niveau von vor 24 Stunden. Technisch rückt dadurch die Unterstützung bei rund 1,36 US-Dollar in den Mittelpunkt. Ein Bruch dieser Zone könnte den aktuellen Verkaufsdruck deutlich verschärfen.
Warum die Rückkehr des Open Interest zum Warnsignal wird
Noch Ende August sah die Situation deutlich anders aus. Die Veränderung des XRP Open Interest über sieben Tage lag am 29. August bei rund minus 27 Prozent. Bis zum 6. September drehte dieser Wert auf etwa plus ein Prozent.
Innerhalb von nur acht Tagen ergibt sich damit eine Verschiebung um 28 Prozentpunkte. Das spricht dafür, dass die massive Bereinigung gehebelter Positionen aus der zweiten Augusthälfte zunächst ausgelaufen ist und Händler wieder neues Risiko aufbauen.
Auf Binance lag das XRP Open Interest am 6. September bei ungefähr 244 Millionen US-Dollar. Auch marktübergreifend zeigt sich inzwischen eine Stabilisierung: Das Open Interest in XRP-Perpetual-Futures lag am Montag bei rund 2,21 Milliarden XRP, nachdem es am Vortag etwa 2,20 Milliarden XRP betragen hatte. Mitte August waren es allerdings noch rund 2,78 Milliarden XRP.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, dass das Open Interest wieder steigt, sondern auf welcher Seite Händler ihre Positionen eröffnen.
Perpetual CVD fällt auf neues Tief – Verkäufer bleiben aggressiv
Genau hier liefert das Cumulative Volume Delta, kurz CVD, ein Warnsignal. Das Binance Perpetual CVD fiel zuletzt auf ungefähr minus 897 Millionen US-Dollar und damit auf ein neues Tief im betrachteten Zeitraum. Der Indikator misst vereinfacht die Differenz zwischen aggressiven Käufen und Verkäufen. Ein weiter fallender Wert zeigt, dass Market-Sell-Orders gegenüber Market-Buys dominieren.
Steigt gleichzeitig das Open Interest, verändert sich die Interpretation. Bei fallendem Open Interest könnte der Verkaufsdruck hauptsächlich daraus entstehen, dass bestehende Long-Positionen geschlossen oder liquidiert werden. Wenn das Open Interest dagegen wieder zunimmt und das Perpetual CVD weiter fällt, ist die Struktur auch damit vereinbar, dass neue Short-Positionen eröffnet werden.
Beweisen lässt sich aus diesen beiden Kennzahlen allein nicht, welche Motivation hinter jeder neuen Position steckt. Die Kombination spricht jedoch dafür, dass der Derivatemarkt nicht mehr ausschließlich von einer Bereinigung alter Long-Positionen geprägt wird. Frisches Kapital kommt zurück, während aggressive Händler weiterhin überwiegend verkaufen.
Auch der Spotmarkt liefert bislang keine klare Entwarnung. Das geschätzte Spot CVD über zentrale Börsen sank auf rund minus 1,4 Milliarden US-Dollar und damit ebenfalls auf den niedrigsten Stand des betrachteten Zeitraums.
Damit entsteht eine auffällige Divergenz: Die Handelsströme werden bärischer, der XRP-Kurs hält sich bislang jedoch vergleichsweise stabil.
Diese Marke entscheidet über Widerstandskraft oder neuen Abverkauf
Die entscheidende Frage lautet jetzt, wie lange XRP diese Divergenz aufrechterhalten kann. Aktuell kämpft der Kurs mit der Marke von 1,40 US-Dollar. Darunter liegt der 200-Tage-EMA bei ungefähr 1,36 US-Dollar. Diese Zone ist technisch besonders wichtig. Fällt XRP nachhaltig darunter, würden als nächste größere Unterstützungen die Bereiche um 1,25 bis 1,24 US-Dollar in den Fokus rücken.
Auf der Oberseite wartet dagegen bereits um 1,43 US-Dollar der erste Widerstand. Ein überzeugender Anstieg darüber könnte den Verkaufsdruck zunächst entschärfen. Größere Hürden liegen anschließend im Bereich von 1,61 US-Dollar und an der fallenden Widerstandslinie um etwa 1,70 US-Dollar.
Ein Gegengewicht zur bärischen Derivate-Struktur bleibt die institutionelle Nachfrage. US-Spot-XRP-ETFs verzeichneten zuletzt ihre achte Woche in Folge mit Nettozuflüssen. Allerdings kühlte die Nachfrage deutlich ab: In der vergangenen Woche kamen nur rund 19 Millionen US-Dollar hinzu, nach etwa 110 Millionen US-Dollar in der Woche zuvor. Insgesamt summieren sich die Nettozuflüsse inzwischen auf rund 1,68 Milliarden US-Dollar.
Für Anleger entsteht damit ein klarer Konflikt. Solange XRP oberhalb von 1,36 US-Dollar bleibt, zeigt der Kurs trotz negativer Handelsströme bemerkenswerte Widerstandskraft. Bricht diese Unterstützung jedoch, könnte die Kombination aus aggressiven Verkäufern und wieder zunehmender Derivate-Positionierung den Rückgang beschleunigen.
Entscheidend sind jetzt 1,36 US-Dollar auf der Unterseite und 1,43 US-Dollar auf der Oberseite: Erst ein Ausbruch aus dieser Spanne dürfte zeigen, ob die neuen bärischen Positionierungen Erfolg haben oder XRP die Short-Seite unter Druck setzt.