Stablecoins bewegen derzeit so viel Geld wie nie zuvor. Im Juni stieg das bereinigte Transaktionsvolumen laut Visa Onchain Analytics auf den Rekordwert von 1,79 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig ist aber die gesamte Menge an im Umlauf befindlichen Stablecoins geschrumpft. Genau darin steckt die eigentliche Botschaft: Es fließt nicht automatisch mehr frisches Kapital in den Kryptomarkt, vielmehr werden dieselben Dollar in einem kleineren Liquiditätspool schneller bewegt.
Rekordvolumen bei Stablecoins, aber weniger Reservekapital im Markt
Auf den ersten Blick wirken die Zahlen bullish. Das bereinigte Stablecoin-Volumen lag im Juni 63 Prozent über dem Mai und sogar 125 Prozent über dem Vorjahreswert. Für viele Beobachter ist das ein Zeichen wachsender Aktivität und steigender Akzeptanz.
Doch das Bild ist komplizierter. Während die Nutzung von Stablecoins ein Allzeithoch erreicht hat, ist das verfügbare Stablecoin-Angebot im selben Zeitraum gesunken. Im Juni schrumpfte der gesamte Umlauf um 7,7 Milliarden US-Dollar – der stärkste monatliche Rückgang seit dem Zusammenbruch von TerraUSD im Mai 2022.
Stablecoin-Angebot und Transaktionsvolumen messen nämlich zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das Angebot zeigt, wie viel digitales Dollar-Kapital insgesamt im Krypto-Ökosystem vorhanden ist – also auf Börsen, in Wallets oder in DeFi-Protokollen. Das Volumen zeigt dagegen nur, wie viel davon in einem bestimmten Zeitraum bewegt wurde.
Der aktuelle Widerspruch ist deshalb wichtig: Mehr Bewegung bedeutet nicht automatisch mehr Liquidität. Wenn das Volumen steigt, während das Angebot fällt, heißt das vor allem, dass ein kleinerer Kapitalstock häufiger genutzt wird.
DefiLlama beziffert den Stablecoin-Markt derzeit auf rund 312 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig lag das bereinigte Volumen im ersten Halbjahr 2026 bereits bei 8,82 Billionen US-Dollar und damit schon klar über dem Gesamtwert des Jahres 2024.
Weniger Transaktionen, höhere Summen und ein Markt unter Druck
Besonders auffällig ist, dass nicht nur das Angebot geschrumpft ist, sondern auch die Zahl der Transaktionen zurückging. Im zweiten Quartal fiel sie laut CEX.IO um 530 Millionen auf 4,48 Milliarden. Das deutet darauf hin, dass weniger Transaktionen mit größeren Beträgen stattfinden.
Im Juni entfielen etwa 1,21 Billionen US-Dollar des bereinigten Volumens auf USDC, was rund 67 Prozent entspricht. Tethers USDT kam auf ungefähr 576 Milliarden US-Dollar oder 32 Prozent. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil USDT mit rund 184 Milliarden US-Dollar Umlaufmenge deutlich größer ist als USDC mit etwa 73 Milliarden US-Dollar. Trotzdem bewegt USDC aktuell den größeren Teil des Volumens.
Auch innerhalb des Stablecoin-Marktes verschieben sich die Gewichte. Renditebasierte Stablecoins verloren deutlich an Boden. Produkte wie Ethenas sUSDe und Skys sUSDS verzeichneten spürbare Rückgänge. Dagegen legten treasury-gestützte Angebote zu, etwa BlackRocks BUIDL, Circles USYC oder Ondos USDY. Das zeigt, dass Kapital nicht einfach verschwindet, sondern sich zum Teil in konservativere, stärker regulierte Strukturen verlagert.
Zudem ist die Liquidität über verschiedene Netzwerke verteilt. Ethereum und seine Layer-2-Netzwerke mussten im zweiten Quartal Rückgänge hinnehmen, während Plattformen wie Hyperliquid und Tron zulegen konnten. Auch das spricht für einen Markt, in dem Kapital aktiver neu verteilt wird, statt breit anzuwachsen.
Warum die sinkende Stablecoin-Menge für Bitcoin und den Gesamtmarkt wichtig ist
Stablecoins sind im Kryptomarkt eine Art sofort einsetzbare Dollar-Reserve. Trader nutzen sie, um Bitcoin oder Altcoins zu kaufen, Sicherheiten zwischen Plattformen zu verschieben, Derivate abzuwickeln oder Gewinne zwischenzuparken, ohne das Krypto-System zu verlassen.
Wenn diese Reserve schrumpft, sinkt die sofort verfügbare Kaufkraft im Markt. Das muss nicht automatisch zu fallenden Kursen führen, erhöht aber die Anfälligkeit für schwache Nachfrage. Genau das war im zweiten Quartal zu beobachten: Bitcoin verlor in diesem Zeitraum rund 14 Prozent und fiel zwischenzeitlich unter 60.000 US-Dollar.
Zusätzlich zur sinkenden Stablecoin-Liquidität kamen weitere Belastungsfaktoren hinzu. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im Juni Abflüsse von mehr als 4 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig ließ auch die Nachfrage von Unternehmen nach Bitcoin für ihre Treasury-Bestände nach. Weniger neue Dollar im Markt treffen damit auf nachlassende Kaufimpulse.
Wichtig ist aber auch: Ein schrumpfendes Stablecoin-Angebot muss nicht zwingend ein negatives Stimmungsbild bedeuten. Es kann ebenso daran liegen, dass Anleger Token gegen Bankguthaben zurücktauschen, DeFi-Positionen schließen oder Kapital in tokenisierte Staatsanleihen umschichten.
Trotzdem bleibt die Kernaussage klar: Für riskante Krypto-Assets steht aktuell weniger frei verfügbares digitales Dollar-Kapital bereit. Gleichzeitig wächst aber die Rolle von Stablecoins im Zahlungsverkehr weiter. Visa, Stripe und andere Anbieter bauen ihre Infrastruktur aus, regulatorische Fortschritte fördern die institutionelle Nutzung, und Circle erhielt zuletzt die finale OCC-Genehmigung für den Aufbau einer nationalen Trust-Bank.
Damit laufen zwei Entwicklungen parallel. Einerseits werden Stablecoins als Zahlungs- und Abwicklungsinstrument immer wichtiger. Andererseits schrumpft ihre Funktion als liquide Cash-Reserve für den Kryptohandel. Für den Markt ist das ein entscheidender Unterschied – und eher ein Warnsignal für die Liquidität als ein eindeutiges Zeichen neuer Kapitalzuflüsse.