Der Kryptomarkt ist es gewohnt, sich weitgehend in dieselbe Richtung zu bewegen – vor allem, wenn Bitcoin fällt. Doch genau dieses Muster könnte 2026 zumindest teilweise aufgebrochen werden. Steven McClurg, CEO von Canary Capital, hält es für möglich, dass XRP und einige wenige andere Netzwerke einen anderen Pfad einschlagen als Bitcoin. Der Grund liegt aus seiner Sicht nicht in Spekulation, sondern in konkreten Unternehmensanwendungen.
In einem Podcast mit Paul Barron skizzierte McClurg eine vorsichtige, aber differenzierte Markteinschätzung. Während er für Bitcoin eher weiteres Abwärtspotenzial sieht, hebt er Protokolle hervor, die direkt an Tokenisierung, Zahlungsverkehr und institutionelle Infrastruktur angebunden sind.
Warum praktische Nutzung wichtiger wird als Marktstimmung
McClurg argumentiert, dass sich der Fokus im Kryptomarkt langsam verschiebt. Nach Jahren, in denen Liquidität, Hebel und Momentum den Ton angaben, rücken nun reale Anwendungsfälle stärker in den Vordergrund. Das betrifft vor allem Netzwerke, die konkret in Unternehmensprozesse integriert werden können, etwa für Zahlungen, Stablecoins oder tokenisierte Vermögenswerte.
Seiner Einschätzung nach haben solche Plattformen bessere Chancen, Wert zu halten, wenn die spekulative Euphorie nachlässt. Sie sind weniger abhängig davon, dass ständig neue Käufer in den Markt strömen, weil ein Teil der Nachfrage aus operativer Nutzung entsteht.
XRP Ledger und Hedera als Beispiele für Enterprise-Fokus
Konkret nannte McClurg den XRP Ledger und Hedera als Netzwerke, die von dieser Entwicklung profitieren könnten. Beide seien auf Effizienz, Vorhersehbarkeit und regulatorische Anschlussfähigkeit ausgelegt – Eigenschaften, die für Unternehmen entscheidender sind als maximale Dezentralität oder experimentelle DeFi-Strukturen.
Dabei dämpfte er bewusst überzogene Erwartungen. Er rechnet nicht mit explosiven Kursanstiegen. Stattdessen hält er moderate Zuwächse im niedrigen zweistelligen Prozentbereich für realistisch, sofern sich die Nutzung durch Unternehmen weiter ausbreitet. Das ist keine Rally-Story, sondern eine Stabilitäts-These.
Deutlich skeptischer Blick auf Bitcoin
Ganz anders fällt McClurgs Einschätzung zu Bitcoin aus. Er geht davon aus, dass Bitcoin seinen Zyklus-Höhepunkt bereits am 6. Oktober 2025 bei rund 126.200 US-Dollar erreicht hat. Seitdem ist der Kurs um etwa 35 % gefallen, zuletzt auf rund 95.800 US-Dollar.
Für die kommenden sechs bis neun Monate sieht er weiteres Abwärtspotenzial. Ein zusätzlicher Rückgang von 20–30 % hält er für möglich, was Bitcoin in einen Bereich zwischen 65.000 und 77.000 US-Dollar führen würde. Ein neues Allzeithoch im Jahr 2026 erwartet er unter diesen Voraussetzungen nicht.
Aus seiner Sicht deutet vieles darauf hin, dass der Markt sich in eine tiefere Korrekturphase bewegt, in der Risiko neu bewertet und überschüssige Spekulation abgebaut wird.
Warum völlige Entkopplung unwahrscheinlich bleibt
Gleichzeitig relativiert McClurg selbst die Idee einer vollständigen Abkopplung. Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass Altcoins historisch in Abwärtsphasen oft stärker verlieren als Bitcoin. Wenn Liquidität aus dem Markt gezogen wird, trifft das auch Projekte mit realer Nutzung.
Eine komplette Unabhängigkeit von Bitcoin sei daher selten und meist nur temporär. In der Praxis bedeutet „besser laufen“ oft nur, weniger stark zu fallen. Auch das wäre allerdings bemerkenswert, da der Kryptomarkt über Jahre hinweg extrem stark korreliert war.
Relative Stärke statt Alleingang
Am Ende läuft McClurgs These auf relative Outperformance hinaus, nicht auf einen Alleingang. XRP und ähnliche Netzwerke könnten sich seitwärts bewegen oder leicht zulegen, während Bitcoin weiter unter Druck steht. Für Investoren und Unternehmen wäre das ein wichtiges Signal: Nutzung kann beginnen, sich vom reinen Marktzyklus zu entkoppeln.
Das ist kein bullisches Märchen, sondern eine nüchterne Einschätzung. XRP wird dadurch nicht automatisch zum Gewinner, aber es könnte stabiler wirken als der Marktführer. In einem Umfeld, in dem Sicherheit und Berechenbarkeit wichtiger werden, kann das bereits einen Unterschied machen.