Erik Yakes, Gründer von Epoch Ventures, mahnt Bitcoin-Investoren und Protokollbeobachter zu mehr Gelassenheit in der aktuellen Quantum-Debatte. In seinem Bitcoin Ecosystem Report 2026 argumentiert er, dass die zuletzt aufgekommene Angst vor Quantencomputern weniger auf belastbaren technischen Durchbrüchen beruhe als auf verhaltensökonomischen Effekten. Ein übereilter Wechsel zu quantenresistenten Signatursystemen könne Bitcoin langfristig mehr schaden als nützen.
Yakes bestreitet nicht, dass Quantencomputing ein reales Forschungsthema ist. Seine zentrale These lautet jedoch: Der Markt behandelt eine hypothetische Bedrohung so, als wäre sie zeitlich und technisch bereits greifbar – ohne dass die dafür nötigen Beweise vorliegen.
Quantum-Angst als Marktphänomen, nicht als technischer Befund
Yakes ordnet die Quantum-Debatte ausdrücklich als behaviorales Ereignis ein. Der starke Fokus auf Quantenrisiken Ende 2025 habe seiner Ansicht nach sogar institutionelle Verkaufsentscheidungen ausgelöst – nicht, weil sich die Sicherheitslage objektiv verschlechtert habe, sondern wegen klassischer Muster wie Verlustaversion, Herdenverhalten und medialer Verfügbarkeit.
Seiner Einschätzung nach wird eine implizite Timeline gehandelt, die nicht aus beobachtbaren Fortschritten abgeleitet ist, sondern aus Erwartungen und Expertenschätzungen, die sich gegenseitig verstärken.
Neven’s Law: Erwartung statt Beobachtung
Im Zentrum der öffentlichen Debatte steht häufig Neven’s Law – die Annahme, dass die Leistungsfähigkeit von Quantencomputern doppelt exponentiell wächst. Daraus wird teils abgeleitet, dass Bitcoins Kryptografie bereits in fünf Jahren brechbar sein könnte.
Yakes widerspricht dieser Schlussfolgerung deutlich. Er zieht bewusst einen Vergleich zu Moore’s Law, macht aber einen entscheidenden Unterschied: Moore’s Law basierte auf jahrzehntelanger Beobachtung realer Hardwareentwicklung. Neven’s Law hingegen sei keine empirische Gesetzmäßigkeit, sondern eine theoretische Erwartung.
Der entscheidende Punkt für Yakes: Die Zahl der logischen Qubits wächst nicht annähernd in dem Tempo, das Neven’s Law impliziert. Fortschritte finden primär bei physischen Qubits und Fehlerraten statt – nicht bei der stabilen, fehlerkorrigierten Recheneinheit, die für kryptografische Angriffe notwendig wäre.
Der Abstand zwischen Labor und Praxis bleibt enorm
Yakes stützt seine Skepsis auf den aktuellen Stand der Praxis. Bis heute habe kein Quantencomputer nachweislich eine Zahl größer als 15 faktorisiert. Das ist kein rhetorischer Trick, sondern ein Hinweis darauf, wie groß die Lücke zwischen theoretischem Potenzial und praktischer Kryptanalyse noch ist.
Er betont, dass steigende Zahlen physischer Qubits und sinkende Fehlerraten nicht automatisch in mehr logische Qubits übersetzt werden. Solange dieser Übergang nicht gelingt, bleibt die Bedrohung für reale Kryptosysteme abstrakt.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Fehler wachsen mit zunehmender Qubit-Zahl nicht linear, sondern potenziell exponentiell. Sollte sich dieses Muster fortsetzen, könnten große Quantencomputer an einer fundamentalen Skalierungsgrenze scheitern, bevor sie jemals praktisch nutzbar werden.
Yakes geht sogar noch weiter und formuliert eine provokante Gegenhypothese: Es sei nicht ausgeschlossen, dass klassische Computer, durch algorithmische Fortschritte und weiterlaufendes Moore’s Law, früher kryptografische Schwächen ausnutzen könnten als Quantencomputer.
Die eigentliche Gefahr: falsche Entscheidungen zur falschen Zeit
Der Kern von Yakes’ Warnung liegt nicht in der Leugnung von Quantum-Risiken, sondern in den Kosten vorschneller Abwehrmaßnahmen. Er betont, dass quantenresistente Signaturen grundsätzlich existieren. Das Problem sei nicht ihre Verfügbarkeit, sondern ihre Effizienz.
Viele der derzeit verfügbaren Verfahren erzeugen extrem große Signaturen und verbrauchen erheblich mehr Blockspace. In einem System wie Bitcoin, in dem Blockplatz knapp ist und Transaktionsdurchsatz ein Dauerengpass bleibt, würde eine solche Umstellung die Nutzungskosten massiv erhöhen und die wirtschaftliche Funktionalität des Netzwerks verändern.
Yakes bezeichnet dies als das eigentliche Worst-Case-Szenario: nicht ein plötzlicher Kryptobruch, sondern eine übereilte Protokolländerung, die Bitcoin auf Jahre hinweg ineffizient macht – obwohl bessere Lösungen absehbar gewesen wären.
Zeit gewinnen statt überreagieren
Statt sofortiger Umstellung plädiert Yakes für abgestufte Notfallpläne. Er verweist auf Arbeiten von Chaincode Labs, die eine Zwei-Jahres-Notfallstrategie und einen Sieben-Jahres-Übergangsplan skizzieren.
Besonders hebt er hervor, dass Bitcoin bereits heute eine gewisse implizite Quantum-Abschirmung besitzt. Moderne Adresstypen – insbesondere Taproot – erlauben es, Ausgaben zu committen, bevor der öffentliche Schlüssel offengelegt wird. Dadurch bleibt der Public Key verborgen, bis er tatsächlich benötigt wird.
Sollte sich Quantum-Faktorisierung unerwartet schnell beschleunigen, könnte dieses Design kurzfristig genutzt werden, um verwundbare Schlüssel zu schützen, ohne sofort das gesamte Signatursystem auszutauschen.
Governance bleibt der Engpass
Gleichzeitig verschweigt Yakes nicht, dass die größte Herausforderung nicht technischer, sondern organisatorischer Natur ist. Bitcoin-Konsens zu erreichen sei absichtlich schwer. Verbesserungen erfolgen historisch fast ausschließlich über Soft Forks, und selbst diese benötigen breite Zustimmung.
Im Ernstfall erwartet Yakes zwar eine stärkere Koordination der Stakeholder, warnt aber auch hier vor langfristigen Nebenwirkungen. Selbst gut gemeinte Lösungen könnten die Effizienz des Netzwerks dauerhaft senken. Er verweist in diesem Zusammenhang auf laufende Arbeiten wie BIP360, die zeigen, wie komplex solche Übergänge tatsächlich sind.
Fazit: Quantum ist ein Risiko – aber nicht das drängendste
Yakes’ Schlussfolgerung ist klar und bewusst nüchtern. Quantencomputing sei ein relevantes Thema, das verstanden und beobachtet werden müsse. Es sei jedoch kein primäres Risiko, das heute höhere Priorität habe als geopolitische Spannungen, Geldpolitik oder systemische Marktstrukturfragen.
Wer Bitcoin-Allokationen allein wegen Quantum-Risiken reduziere, handle aus seiner Sicht nicht rational, sondern reagiere auf kognitive Verzerrungen. Die langfristigen Vorteile einer Bitcoin-Allokation würden dadurch ausgeblendet.
Kurz gesagt: Nicht Untätigkeit ist Yakes’ Empfehlung, sondern Timing. Bitcoin sollte vorbereitet sein – aber nicht aus Angst heraus die falschen Entscheidungen treffen.