Der langjährige Jefferies- und GREED & fear-Stratege Chris Wood hat Bitcoin aus seinem langfristigen Modellportfolio entfernt. Begründet wird der Schritt nicht mit kurzfristiger Kursentwicklung, sondern mit einem strukturellen Risiko: Quantencomputing. VanEcks Research-Chef Matthew Sigel machte die Entscheidung auf X öffentlich und sprach von einer bemerkenswerten Herabstufung durch einen der einflussreichsten globalen Strategen der Wall Street.
Woods Entscheidung betrifft ausdrücklich den pensionsähnlichen Langfristansatz seines Portfolios, nicht taktische Allokationen oder kurzfristige Trades. Er betont, dass er keinen unmittelbar bevorstehenden Preiscrash erwartet. Das Problem liege tiefer: Die langfristige Tragfähigkeit des „Store-of-Value“-Narrativs sei aus seiner Sicht durch die Quantum-Debatte beschädigt.
Warum Wood Bitcoin nicht mehr als verlässlichen Wertspeicher sieht
In seiner Notiz vom 15. Januar 2026 erklärt Wood, dass die Diskussion um Quantencomputer für Asset Allocators eine neue Qualität erreicht habe. Während das Thema früher theoretisch gewesen sei, würden Investoren inzwischen konkrete Fragen stellen, die ein langfristiges Portfolio nicht ignorieren könne.
Seine Kernthese lautet: Selbst wenn das Risiko nicht unmittelbar sei, reiche bereits eine glaubwürdige Bedrohung aus, um Bitcoin für sehr lange Anlagehorizonte problematisch zu machen. Ein Wertspeicher müsse nicht nur heute sicher sein, sondern auch über Jahrzehnte hinweg.
Entsprechend strich Wood die bisherige 10-Prozent-Bitcoin-Allokation aus seinem Modellportfolio und verlagerte das Kapital jeweils zur Hälfte in physisches Gold und Goldminenaktien. Diese Umschichtung sei kein Urteil über vergangene Performance. Im Gegenteil: Bitcoin habe seit der Aufnahme im Dezember 2020 rund 325 % zugelegt, während Gold im selben Zeitraum lediglich etwa 145 % gewonnen habe.
Die zentrale Sorge: Eine potenziell existenzielle Bedrohung
Woods Argumentation konzentriert sich auf das asymmetrische Sicherheitsmodell von Bitcoin. Heute ist es trivial, aus einem privaten Schlüssel den öffentlichen Schlüssel zu berechnen, während der umgekehrte Weg praktisch unmöglich ist. Quantencomputer könnten diese Asymmetrie jedoch aufheben.
Wood verweist auf die zunehmende Sorge, dass kryptografisch relevante Quantencomputer nicht erst in ferner Zukunft, sondern möglicherweise in „wenigen Jahren“ einsatzfähig sein könnten. Sollte sich die Zeitspanne zur Ableitung privater Schlüssel von öffentlichen Schlüsseln auf Stunden oder Tage verkürzen, wäre das Bitcoin-Sicherheitsmodell fundamental infrage gestellt.
Für Wood ist das keine akademische Spitzfindigkeit. Da Bitcoin-Transaktionen irreversibel sind, würde ein solcher Bruch nicht nur einzelne Nutzer treffen, sondern das Vertrauen in das gesamte System beschädigen – und damit genau die Eigenschaft untergraben, die Bitcoin als „digitales Gold“ attraktiv macht.
Das Dilemma möglicher Gegenmaßnahmen
Wood verweist darauf, dass innerhalb der Branche bereits intensiv über mögliche Reaktionen diskutiert werde. Eine Option wäre, quantum-verwundbare Coins gezielt zu entwerten oder zu „verbrennen“, um das System zu schützen. Eine andere wäre, nichts zu tun und das Risiko zu akzeptieren, dass solche Coins eines Tages gestohlen werden könnten.
Beide Wege hält Wood für problematisch. Die erste Variante wirke wie Enteignung und widerspreche dem Eigentumsprinzip von Bitcoin. Die zweite gefährde die Systemintegrität. Ein Informatiker habe ihm gegenüber die Untätigkeit als „suizidale Illusion“ bezeichnet.
Vor diesem Hintergrund kommt Wood zu dem Schluss, dass Bitcoin für einen sehr langfristigen, defensiven Kapitalstock nicht mehr die gleiche Qualität habe wie Gold – unabhängig davon, wie der Preis sich in den nächsten Jahren entwickelt.
VanEck kontert: Unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Risiken
Matthew Sigel von VanEck reagierte differenziert. Für ihn ist weniger entscheidend, ob Quantencomputing ein Risiko darstellt – das bestreitet er nicht –, sondern wie unterschiedlich Systeme darauf reagieren können.
Auf den Einwand, Quantencomputer würden auch Banken, E-Mail-Systeme und Broker treffen, antwortete Sigel, dass dieser Vergleich zu kurz greife. Klassische Finanzsysteme ließen sich top-down aktualisieren und verfügten über Rückabwicklungsmechanismen. Bitcoin hingegen sei konsensbasiert und finalitätsgetrieben, was Anpassungen zwangsläufig langsamer mache.
Genau diese Eigenschaft mache das Quantum-Thema für Bitcoin politisch und technisch komplexer, aber nicht unlösbar.
Governance-Frage statt Todesurteil
Sigel ordnete Woods Entscheidung in eine bekannte interne Debatte ein, etwa zwischen Adam Back und Nic Carter. Er positionierte sich klar auf der Seite Carters, die davor warnt, das Quantum-Risiko entweder zu ignorieren oder zu überdramatisieren.
Gleichzeitig betonte Sigel, dass Woods Entscheidung ernst zu nehmen sei. Er habe Wood vor Veröffentlichung der Notiz in New York getroffen und den Entscheidungsprozess als ehrlich und rational beschrieben – auch wenn er persönlich zu einem anderen Schluss komme.
VanEck habe selbst bereits begrenzte Quantum-Hedges aufgebaut, unter anderem über diversifizierte AI-Mining-Exponierung, während Bitcoin über ETFs weiterhin die größte Einzelposition bleibe. Für Sigel ist das Thema eine „Wall of Worry“ – vergleichbar mit früheren existenziellen Debatten wie den Blocksize-Kriegen –, nicht aber ein Grund, die Bitcoin-These grundsätzlich aufzugeben.
Einordnung: Ein Einschnitt für konservative Allokatoren
Woods Schritt ist weniger ein Signal für den Marktpreis als für die institutionelle Risikowahrnehmung. Wenn ein Stratege mit explizitem Langfrist-Mandat Bitcoin aus einem Modellportfolio entfernt, zeigt das, dass die Quantum-Debatte aus dem technischen Randbereich in den Kern der Asset-Allokation vorgedrungen ist.
Das bedeutet nicht, dass Bitcoin kurz vor dem Aus steht. Es bedeutet aber, dass der Anspruch, ein jahrzehntelang stabiler Wertspeicher zu sein, künftig stärker verteidigt werden muss – technisch, politisch und kommunikativ.
Für Investoren markiert Woods Entscheidung keinen Abgesang, sondern eine Verschiebung der Fragestellung: weniger „Wie hoch kann Bitcoin steigen?“ und mehr „Welche Risiken sind für sehr lange Zeiträume akzeptabel?“.