Die Europäische Zentralbank macht den nächsten großen Schritt in Richtung tokenisierter Finanzmärkte. Am 21. September 2026 hat das Eurosystem offiziell Pontes gestartet. Die neue Infrastruktur ermöglicht es Banken und anderen zugelassenen Marktteilnehmern, Transaktionen mit tokenisierten Vermögenswerten über Distributed-Ledger-Technologie abzuwickeln und die Geldseite dabei in Zentralbankgeld zu begleichen.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte den Start bereits am 18. September angekündigt und Pontes laut Agence Europeals einen „digital euro made available to banks“ beschrieben. Genau hier ist allerdings eine wichtige Unterscheidung nötig: Pontes ist die Wholesale-Lösung für Finanzinstitute. Der geplante digitale Euro für Bürger und Unternehmen im täglichen Zahlungsverkehr ist ein separates Projekt und noch nicht eingeführt.
Für die Tokenisierung traditioneller Finanzmärkte ist Pontes dennoch ein bedeutender Schritt. DLT-Plattformen werden damit direkt mit der etablierten TARGET-Infrastruktur des Eurosystems verbunden. Tokenisierte Anleihen, Einlagen und andere regulierte Finanzinstrumente sollen dadurch mit Zentralbankgeld abgewickelt werden können, statt auf private Stablecoins oder andere Settlement Assets angewiesen zu sein.
Was hinter dem „digitalen Euro für Banken“ wirklich steckt
Die Bezeichnung „digitaler Euro für Banken“ ist nicht grundsätzlich falsch, kann aber leicht mit dem geplanten Retail-CBDC verwechselt werden.
Die EZB unterscheidet ausdrücklich zwischen Retail-Zentralbankgeld für Verbraucher und Unternehmen und Wholesale-Zentralbankgeld, das Finanzinstitute untereinander zur Abwicklung von Forderungen verwenden. Pontes gehört zur zweiten Kategorie. Die EZB hat ihre Arbeit daran mehrfach auch als Entwicklung von tokenisiertem Zentralbankgeld beziehungsweise einer Wholesale-CBDC beschrieben.
Technisch soll Pontes eine Brücke zwischen bestehenden Zentralbanksystemen und neuen DLT-Netzwerken schaffen. Das erklärt auch den Namen: „Pontes“ bedeutet auf Lateinisch „Brücken“.
Ein tokenisierter Vermögenswert kann zwar auf einer Blockchain oder einem anderen Distributed Ledger ausgegeben und übertragen werden. Für große institutionelle Geschäfte benötigt der Markt jedoch zusätzlich ein möglichst risikoarmes Zahlungsmittel für die endgültige Abwicklung.
Hier bringt die EZB Zentralbankgeld ins Spiel. Das Eurosystem hatte bereits 2024 entsprechende Technologien getestet. Nach Angaben der EZB wurden dabei rund 50 Transaktionen in neun Jurisdiktionen mit einem Gesamtwert von etwa 1,6 Milliarden Euro durchgeführt. Diese Versuche bildeten eine Grundlage für Pontes.
Der digitale Euro für Verbraucher bleibt dagegen ein eigenes Vorhaben. Die EU-Gesetzgebung dazu ist am 21. September 2026 noch nicht vollständig abgeschlossen. Parallel bereitet das Eurosystem einen Pilotversuch für 2027 vor. Erst danach könnte es zu einer tatsächlichen Ausgabe eines “Retail-Digital-Euro” kommen.
Deutsche Bank, Santander und Bundesbank sind bereits angebunden
Pontes startet nicht als rein theoretisches Experiment. Eine erste Gruppe großer Finanzinstitute und DLT-Anbieter hat das Onboarding bereits abgeschlossen und kann die Infrastruktur nutzen.
Dazu gehören unter anderem Deutsche Bank, BayernLB, DekaBank, DZ Bank, Santander, Société Générale, KfW, NRW.BANK und die Europäische Investitionsbank. Zusätzlich ist die Deutsche Bundesbank als Marktteilnehmer angebunden. Auf der Infrastruktur-Seite sind unter anderem Clearstream, Cashlink, SWIAT und Axiology beteiligt.
Noch interessanter ist eine zweite Ankündigung der EZB vom selben Tag: Die Zentralbank bereitet vor, einen kleinen Teil ihres eigenen Portfolios in tokenisierte Wertpapiere zu investieren.
Die Abwicklung dieser Käufe soll ebenfalls über Pontes in Zentralbankgeld erfolgen. Die EZB will dadurch selbst praktische Erfahrungen mit Handel, Settlement, Portfoliomanagement und DLT-Infrastrukturen sammeln.
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