Bitcoin-Miner stecken derzeit Milliarden in den Ausbau von KI-Infrastruktur. Der Grund ist einfach: Das klassische Mining-Geschäft ist nach dem jüngsten Preisrückgang von Bitcoin und dem Halving deutlich weniger profitabel geworden. Doch genau dieser Strategiewechsel könnte sich schon innerhalb der nächsten zwölf Monate als Fehler erweisen.
Warum immer mehr Miner auf KI setzen
Bitcoin notiert aktuell bei rund 64.000 US-Dollar und damit deutlich unter seinem Hoch aus dem vergangenen Herbst. Gleichzeitig bleiben die Einnahmen der Miner unter Druck: Die Konkurrenz im Netzwerk ist hoch, die Transaktionsgebühren sind nicht optimal und seit dem Halving im April 2024 erhalten Miner nur noch 3,125 BTC pro Block statt zuvor 6,25 BTC.
Das hat die Wirtschaftlichkeit vieler Mining-Betriebe spürbar verschlechtert. Laut VanEck sind die täglichen Einnahmen der Miner im Jahresvergleich um knapp 40 Prozent gefallen und liegen im 30-Tage-Schnitt nur noch bei etwa 28,5 Millionen US-Dollar.
Auch der sogenannte Hashprice, also der Ertrag pro Recheneinheit, ist stark gesunken. Vor allem ältere und weniger effiziente Geräte arbeiten damit vielerorts an der Gewinnschwelle oder sogar darunter.
Vor diesem Hintergrund wirkt KI für viele Betreiber wie ein attraktiver Ausweg. Kunden aus dem KI-Bereich zahlen deutlich mehr für verlässliche Stromversorgung, Netzanschlüsse und langfristig gesicherte Kapazitäten. Genau diese Infrastruktur besitzen viele Bitcoin-Miner bereits: Zugang zu Strom, Land, Datenzentren und technische Anbindung.
Wichtig ist dabei: Bitcoin-Mining-Hardware wird nicht zu KI-Hardware umgebaut. ASICs, die für Bitcoin entwickelt wurden, können keine GPU-Workloads für künstliche Intelligenz übernehmen. Der eigentliche Wert liegt vielmehr in der vorhandenen Energie- und Standortinfrastruktur, die für KI-Rechenzentren immer begehrter wird.
Ein prominentes Beispiel ist Core Scientific. Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben nicht mehr in neue Mining-Geräte, um seine Hashrate auszubauen. Stattdessen will es mehr Energie in sogenanntes High-Density-Computing lenken. Die Zahlen zeigen, warum: Im zweiten Quartal stieg der Umsatz aus Colocation auf 136,7 Millionen US-Dollar, nach 10,6 Millionen US-Dollar im Vorjahr. Das entsprach rund 83 Prozent des Gesamtumsatzes. Die Erlöse aus dem eigenen Bitcoin-Mining fielen dagegen um 66 Prozent auf 21,5 Millionen US-Dollar.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei der Marge: Während das Colocation-Geschäft eine Bruttomarge von 59 Prozent erzielte, schrieb das Self-Mining operativ rote Zahlen. Auch andere börsennotierte Miner gehen inzwischen in dieselbe Richtung. CoinShares zufolge wurden inzwischen KI- und HPC-Verträge im Umfang von mehr als 70 Milliarden US-Dollar angekündigt.
Warum das zum Problem werden könnte
Trotz der überzeugenden Logik gibt es wachsende Zweifel am Timing. André Dragosch, Research-Chef bei Bitwise Europe, warnt, dass viele Miner womöglich genau am falschen Punkt im Zyklus auf KI umschwenken. Seiner Einschätzung nach könnte die erwartete Nachfrage nach KI-Rechenleistung langsamer wachsen als derzeit eingepreist. Gleichzeitig sieht er Bitcoin näher am Ende des Bärenmarktes.
Wenn diese Einschätzung stimmt, entsteht ein heikles Szenario: Miner binden Kapital und Stromkapazitäten an KI-Projekte, während sich das Bitcoin-Mining kurz darauf wieder deutlich erholen könnte. Steigt der BTC-Kurs oder verbessert sich die Mining-Rentabilität, könnten Betreiber feststellen, dass sie zu früh umgeschichtet haben.
Hinzu kommt, dass der KI-Umbau deutlich teurer ist als der Ausbau klassischer Mining-Anlagen. Laut CoinShares kostet die Bitcoin-Mining-Infrastruktur nur etwa ein Zehntel der KI-Anlagen. Wer diesen Schritt geht, trifft also eine langfristige und kapitalintensive Entscheidung.
Gleichzeitig wächst aber das Risiko, dass zu viel Kapazität aufgebaut wird, bevor sich die erhofften Erträge tatsächlich einstellen.
Fällt die Nachfrage nach zusätzlicher KI-Rechenleistung schwächer aus als erwartet, könnten neue Projekte schwerer zu finanzieren sein, Margen sinken und die heute besonders attraktiven Renditen unter Druck geraten. Für Bitcoin-Miner wäre das doppelt problematisch: Sie hätten viel Geld gebunden und zugleich Flexibilität verloren.
Miner riskieren, ihre strategische Beweglichkeit zu verlieren
Genau darin liegt laut Dragosch das eigentliche Risiko. Es geht nicht darum, dass KI kein Zukunftsmarkt wäre. Im Gegenteil: Künstliche Intelligenz dürfte die Technologiebranche langfristig stark verändern. Die Frage ist vielmehr, ob die aktuelle Investitionswelle der realen Nachfrage vorausläuft.
Sollte sich die Kommerzialisierung von KI langsamer entwickeln, während Bitcoin sich gleichzeitig wieder erholt, könnten einige Miner ihre Entscheidung schon in einem Jahr bereuen. Denn wer Strom, Kapital und Infrastruktur langfristig an KI-Projekte gebunden hat, kann nicht ohne Weiteres zurück ins klassische Mining wechseln.