Bitcoin nähert sich einer Marke, die aus einem alten Grundsatzstreit plötzlich den härtesten Governance-Test seit Jahren machen könnte. Im Zentrum steht BIP-110, ein Vorschlag, der bestimmte datenlastige Transaktionen auf der Bitcoin-Blockchain einschränken soll. Noch fehlen weniger als 10.000 Blöcke bis zum geplanten Aktivierungsfenster rund um Block 961.542.
Was zunächst wie eine technische Debatte über „Spam“ klingt, berührt den Kern von Bitcoin: Soll die Blockchain fast alles aufnehmen, solange eine Transaktion gültig ist und Gebühren zahlt? Oder muss Bitcoin stärker gegen Daten wie Ordinals, Runes und Inscriptions geschützt werden, damit der Fokus auf Geld und Abwicklung bleibt?
Genau diese Frage bringt Entwickler, Node-Betreiber, Miner, Börsen und Anleger in eine heikle Lage. Denn wenn ein Teil des Netzwerks neue Regeln erzwingt, während Miner und große Marktteilnehmer nicht mitziehen, droht zumindest kurzfristig ein gefährlicher Vertrauensbruch.
Warum BIP-110 Bitcoin spalten könnte
BIP-110 will willkürliche Daten auf Bitcoin zeitweise begrenzen. Gemeint sind vor allem Transaktionen, die Texte, Bilder oder tokenbezogene Daten direkt auf der Basisschicht speichern. Unterstützer sehen darin eine notwendige Verteidigung gegen eine Entwicklung, die Bitcoin aus ihrer Sicht vom Geldnetzwerk zur teuren Datenspeicherfläche macht.
Ihr Argument: Jeder Datenblock verbraucht Platz, erhöht die Belastung für Nodes und kann normale Zahlungstransaktionen verdrängen. Wer Bitcoin als knappes, neutrales Abwicklungssystem versteht, sieht in Ordinals und ähnlichen Anwendungen deshalb keinen Fortschritt, sondern eine Zweckentfremdung.
Doch genau hier beginnt der eigentliche Konflikt. Gegner warnen, dass eine solche Einschränkung nicht nur „Spam“ trifft, sondern einen gefährlichen Präzedenzfall schafft. Wenn heute bestimmte Daten unerwünscht sind, könnten morgen andere Transaktionen ins Visier geraten.
Für Bitcoin ist das brisant, weil die Neutralität des Netzwerks zu seinen stärksten Versprechen gehört. Bitcoin prüft normalerweise nicht, ob eine Transaktion moralisch, politisch oder wirtschaftlich erwünscht ist. Sie muss gültig sein und die Gebühr zahlen. BIP-110 würde diese Grenze verschieben.
Diese Aktivierung macht den Streit gefährlicher
Besonders kritisch ist nicht nur der Inhalt des Vorschlags, sondern der Weg zur Aktivierung. Statt auf eine breite Zustimmung der Miner und großen Infrastrukturakteure zu setzen, arbeitet BIP-110 (hier geht es zum ausführlichen Guide: BIP-110) mit einer deutlich niedrigeren Signal-Schwelle von 55 Prozent und einem verpflichtenden Durchsetzungsmechanismus.
Sollten Miner diese Schwelle nicht erreichen, könnten Nodes, die BIP-110 unterstützen, trotzdem beginnen, nicht regelkonforme Blöcke abzulehnen. Genau das macht aus einer technischen Änderung einen Governance-Stresstest. Denn dann entscheidet nicht mehr nur Code, sondern auch wirtschaftliche Macht: Welche Chain akzeptieren Börsen, Wallets, Verwahrer, Miner und Nutzer wirklich?
Kritiker wie Blockstream-CEO Adam Back sehen darin ein hohes Risiko für eine Minderheits-Chain. Der Vergleich mit SegWit aus dem Jahr 2017 greift aus ihrer Sicht nicht, weil SegWit am Ende eine deutlich breitere Unterstützung von Entwicklern, Minern und Unternehmen hatte. Diese Rückendeckung fehlt BIP-110 bislang.
Auch Bitcoin-Entwickler Jameson Lopp warnt vor praktischen Risiken. Eine umstrittene Änderung könnte Kapital in Spezialfällen blockieren, Wallet-Funktionen stören und Entwickler zwingen, zwei unterschiedliche Regelwerke zu berücksichtigen.
Besonders problematisch: BIP-110 soll zwar nur etwa ein Jahr gelten, doch gerade diese Befristung schafft neue Unsicherheit. Niemand weiß sicher, ob die Regeln wirklich auslaufen, verlängert oder später verschärft werden.
BIP-110 — Bitcoins Regelstreit 2026
Wer entscheidet, was Bitcoin sein darf?
Geld oder Datenspeicher?
- Neue Output-Skripte über 34 Bytes werden ungültig
- OP_RETURN nur noch maximal 83 Bytes erlaubt
- Größere Witness-Daten werden begrenzt
- Bestimmte Taproot-Funktionen eingeschränkt
- Ziel: Ordinals, Runes & beliebige Datenspeicherung auf Bitcoin stoppen
- Bitcoin soll Geld sein, kein Datenspeicher
- Ordinals & Runes verbrauchen Blockspace ohne Geldfunktion
- Entlastung für Node-Betreiber
- Alternativen verfügbar: Nostr, IPFS, BitTorrent
- Bitcoin Knots · Luke Dashjr-Fraktion
- Gefährlicher Präzedenzfall: Inhaltskontrolle auf Protokollebene
- Bei <55%: BIP-110-Nodes spalten sich ab
- Minderheits-Chain: ~1% Hashrate = 1–2 Blöcke/Tag
- Replay-Risiko, Börsen pausieren ggf. Auszahlungen
- Jameson Lopp · Adam Back (Blockstream)
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13. Dez 2025BIP-110 als Draft veröffentlicht
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2Jetzt · aktivFreiwilliges Signaling-Fenster offen
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3Block 961.542Verpflichtende Signaling-Phase beginnt
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4Block 961.632Pflichtaktivierung — möglicher Chain-Split
Die Zahlen sprechen derzeit gegen eine erfolgreiche Aktivierung
Der wichtigste harte Datenpunkt ist das Miner-Signaling. Laut BIP-110-Monitor lag die Signalrate am 11. Juni 2026 im aktuellen Difficulty-Adjustment-Zeitraum bei 0,71 Prozent, während für eine Aktivierung 55 Prozent innerhalb eines 2.016-Blöcke-Zeitraums nötig wären.
Der Monitor nennt außerdem den freiwilligen Signaling-Deadline-Block 961.542, danach beginnt die verpflichtende Signaling-Phase. Das ist für die Einordnung entscheidend: Der Streit ist laut, aber die ökonomische Unterstützung wirkt bisher schwach. Ohne Miner, große Börsen, Verwahrer und Liquidität bleibt eine BIP-110-Chain wahrscheinlich eine Minderheits-Chain.
Auch frühere Node-Daten zeigen eher begrenzte Unterstützung. KuCoin berichtete im Januar 2026 von 583 Nodes, also rund 2,38 Prozent der 24.481 erreichbaren Bitcoin-Nodes, die BIP-110 signalisierten.
Das macht ein Szenario wahrscheinlicher, in dem die Aktivierung scheitert oder nur eine schwache Minderheits-Chain entsteht. Für Anleger wäre das kurzfristig trotzdem nicht bedeutungslos. Schon die Unsicherheit rund um Block 961.542 kann reichen, um Volatilität beim Bitcoin Kurs auszulösen, Absicherungen am Derivatemarkt zu verstärken und Börsen zu Vorsichtsmaßnahmen zu zwingen.
Das größte Risiko liegt deshalb weniger darin, dass BIP-110 Bitcoin wirklich „übernimmt“. Kritischer wäre eine Phase, in der Krypto-Börsen und Verwahrer Ein- und Auszahlungen pausieren, um Replay-Angriffe, Liquidität und Chain-Stabilität zu prüfen.
Für erfahrene Krypto-Nutzer wäre das kein neues Phänomen. Für institutionelle Anleger, die über ETFs und professionelle Verwahrung in Bitcoin investiert sind, könnte es jedoch wie ein Warnsignal wirken.
Am Ende entscheidet nicht die lauteste Fraktion, sondern die Chain mit Liquidität, Infrastruktur, Hashrate und Vertrauen. Genau deshalb wird Block 961.542 jetzt zur entscheidenden Linie: Hält der wirtschaftliche Konsens, bleibt BIP-110 wohl ein lauter Streit. Bricht er auf, bekommt Bitcoin seinen heikelsten Governance-Test seit Jahren.