Bitcoin sendet zwei Signale, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Der Inter-Exchange Flow Pulse für Coinbase Advanced ist nach 23 Tagen im grünen Bereich wieder unter seinen 90-Tage-Durchschnitt gefallen. Gleichzeitig wurden innerhalb von 24 Stunden rund 13.600 BTC an Open Interest abgebaut, ohne dass der Kurs massiv eingebrochen ist.
Damit nimmt die spekulative Risikobereitschaft ab, aber auch eine unmittelbare Gefahr für den Markt: Weniger offene gehebelte Positionen bedeuten weniger Brennstoff für eine mögliche Liquidationskaskade. Für den Bitcoin-Kurs ist das deshalb nicht automatisch bärisch. Entscheidend ist jetzt, ob BTC die angeschlagene Unterstützungszone verteidigen kann.
Bitcoin notiert aktuell bei rund 77.300 US-Dollar und damit etwa drei Prozent unter dem Niveau von vor einer Woche.
Warum das Bitcoin-Warnsignal jetzt ernst genommen werden muss
Der von Axel Adler Jr. beobachtete Inter-Exchange Flow Pulse, kurz IFP, ist von rund 495.000 BTC unter seinen 90-Tage-Durchschnitt von etwa 500.000 BTC gefallen. Damit ist das Signal nach 23 Tagen oberhalb dieser langfristigeren Referenz wieder in den roten Bereich gerutscht.
Der IFP misst vereinfacht, wie stark Bitcoin zwischen Spot- und Derivatebörsen bewegt wird. Steigen die Zuflüsse in Richtung Derivatebörsen, deutet das auf eine höhere Bereitschaft hin, mit Futures und anderen gehebelten Produkten Risiko einzugehen. Sinkt der Wert dagegen, spricht das für nachlassende spekulative Aktivität. Adler hatte den Indikator bereits zuvor als Messgröße für den Wechsel zwischen Risk-on- und Risk-off-Phasen beschrieben.
Wichtig ist jedoch: Ein Unterschreiten des 90-Tage-Durchschnitts bedeutet nicht automatisch, dass Bitcoin unmittelbar stark fallen muss. Der Indikator zeigt zunächst eine Veränderung der Marktstruktur. Umso problematischer wäre es, wenn gleichzeitig der Spotmarkt schwächer wird und zentrale Unterstützungen brechen.
Genau deshalb verdient das aktuelle Signal Aufmerksamkeit. Der Kurs kämpft bereits unterhalb der psychologisch wichtigen Marke von 80.000 Dollar und hat auf Wochensicht an Boden verloren.
Weniger Hebel nimmt einem Abverkauf den gefährlichsten Verstärker
Während der IFP schwächer wird, liefert das Open Interest ein etwas konstruktiveres Signal.
Nach Daten von Adler sank das in BTC gemessene Open Interest innerhalb von 24 Stunden um rund 13.600 Bitcoin. Auffällig ist vor allem, dass der Bitcoin-Kurs während dieses Abbaus vergleichsweise stabil blieb. Das spricht eher für einen kontrollierten Rückzug aus gehebelten Positionen als für eine bereits laufende Zwangsliquidation. Das ist für Anleger ein entscheidender Unterschied.
Fällt das Open Interest stark zusammen mit dem Kurs, können Liquidationen den Verkaufsdruck zusätzlich beschleunigen. Werden gehebelte Positionen dagegen geschlossen, während sich der Preis hält, wird der Markt gewissermaßen entschärft. Weniger Leverage bedeutet, dass bei einem erneuten Rücksetzer weniger überfüllte Positionen zwangsweise aus dem Markt gespült werden müssen.
Auch Adler weist grundsätzlich darauf hin, dass fallendes Open Interest nicht automatisch bearish ist. Nach starken Marktbewegungen kann es vielmehr einen Reset darstellen. Erst die Kombination mit Kursentwicklung und Funding Rates zeigt, ob daraus echte strukturelle Schwäche entsteht.
Das aktuelle Bild bleibt damit widersprüchlich: Die Risikobereitschaft nimmt ab, gleichzeitig sinkt aber auch das Risiko eines durch übermäßigen Hebel verstärkten Crashs.
78.700 oder 74.750 Dollar: Diese Zonen entscheiden jetzt
Technisch wird die Lage dennoch zunehmend angespannt. Analyst Michaël van de Poppe bezeichnete die aktuelle Bitcoin-Unterstützung zuletzt als schwach und rechnet mit der Möglichkeit eines weiteren Liquiditätstests unterhalb der jüngsten Tiefs.
Für ihn beginnt bei rund 76.000 Dollar eine erste interessante Zone. Deutlich wichtiger sei jedoch ein Bereich um 74.750 Dollar. Alternativ müsste Bitcoin die Region um 78.700 Dollar zurückerobern, damit sich das kurzfristige Bild wieder verbessert. In einem weiteren Update nannte er einen Test der 74.000-Dollar-Region als sein derzeitiges Hauptszenario, während eine Rückeroberung von 78.000 Dollar die Korrektur beenden könnte.
Damit entsteht für Bitcoin ein klarer Konflikt. Kann BTC die aktuelle Zone verteidigen und anschließend wieder über 78.000 bis 78.700 Dollar steigen, würde das zeigen, dass der Rückgang der spekulativen Aktivität eher einen gesunden Leverage-Reset darstellt. Ein erneuter Angriff auf die 80.000-Dollar-Marke wäre dann wieder möglich.
Fällt Bitcoin dagegen nachhaltig unter die jüngsten Tiefs, rücken zunächst 76.000 Dollar und danach der Bereich zwischen 74.000 und 74.750 Dollar in den Fokus. Der geringere Hebel könnte zwar verhindern, dass daraus sofort eine massive Liquidationskaskade entsteht. Er schützt Bitcoin aber nicht vor einem normalen, durch schwache Nachfrage ausgelösten Abverkauf.
Genau darin liegt das derzeit wichtigste Signal: Der Markt ist weniger explosiv geworden, aber gleichzeitig auch weniger risikofreudig.