Ethereum sendet derzeit ein gemischtes Signal an den Markt: Einerseits wurden in den vergangenen sieben Tagen laut Nansen ETH im Wert von 478 Millionen US-Dollar von Börsen abgezogen – ein Hinweis, den viele Anleger als Zeichen für Akkumulation werten. Andererseits setzen ausgerechnet erfahrene und profitable Marktteilnehmer weiter auf fallende Kurse. Damit bleibt offen, ob sich bei ETH gerade eine echte Trendwende aufbaut oder nur eine kurze Erholung läuft.
Starke Abflüsse von Börsen, aber Profis bleiben skeptisch
Netto-Abflüsse von Kryptobörsen gelten oft als bullisches Signal. Der Grund: Coins, die von Handelsplätzen abgezogen werden, stehen kurzfristig meist nicht mehr direkt zum Verkauf. Bei Ethereum summierten sich diese Abflüsse zuletzt auf rund 478 Millionen US-Dollar, was etwa 255.000 ETH entspricht.
Doch die Daten zeigen gleichzeitig ein deutlich vorsichtigeres Bild bei professionellen Marktteilnehmern. Laut Nansen haben Wallets mit besonders hoher Profitabilität in den vergangenen sieben Tagen netto 64 Millionen US-Dollar verkauft. Hinzu kommen auf Hyperliquid klare Short-Positionen: sogenannte „Smart Traders“ lagen mit rund 38 Millionen US-Dollar netto short, große Whale-Konten zusätzlich mit etwa 21 Millionen US-Dollar netto short.
Gerade diese Gruppen gelten am Markt als gut informiert. Ihre Zurückhaltung wiegt deshalb schwerer als ein gewöhnliches Stimmungsbild. Die Botschaft ist klar: Zwar verknappt sich das verfügbare Angebot auf Börsen, doch viele erfahrene Trader glauben offenbar noch nicht an einen nachhaltigen Aufwärtstrend.
Warum das Verhältnis ETH/BTC jetzt besonders wichtig ist
Entscheidend ist derzeit nicht nur der Dollar-Kurs von Ethereum, sondern vor allem die Entwicklung gegenüber Bitcoin. Das Verhältnis ETH/BTC gilt als eine Art Anzeigetafel dafür, ob Ethereum gegenüber dem Gesamtmarkt wieder an Stärke gewinnt.
Ethereum hat in diesem Jahr bislang schwächer abgeschnitten als Bitcoin. Während ETH seit Jahresbeginn rund 37,1 Prozent verloren hat, liegt Bitcoin bei etwa minus 26,2 Prozent. Das Verhältnis ETH/BTC notiert aktuell bei ungefähr 0,029. Zwar hat sich ETH damit vom Juni-Tief bei 0,025 erholt, doch für eine echte Führungsrolle im Markt reicht das bisher noch nicht.
Auch die ETF-Daten sprechen noch nicht für einen klaren Durchbruch. Die in den USA gehandelten Spot-Ethereum-ETFs verzeichneten vom 6. bis 10. Juli zwar Zuflüsse von 84,3 Millionen US-Dollar, was etwa 45.000 ETH entspricht. Das war ein positives Signal nach einer schwächeren Phase. Allerdings war dieser Betrag immer noch deutlich kleiner als die Börsenabflüsse. Zudem drehte der ETF-Flow am 13. Juli bereits wieder ins Negative, mit 15,4 Millionen US-Dollar Abfluss.
Damit bleibt das zentrale Problem bestehen: Ethereum braucht nicht nur weniger Verkaufsdruck, sondern auch neue, dauerhafte Nachfrage. Genau davon hängt ab, ob aus dem aktuellen Signal mehr wird als nur eine kurze Entlastungsrally.
Nutzung des Netzwerks verbessert sich – aber noch ohne klare Bestätigung
Auf der Blockchain selbst zeigen sich durchaus positive Entwicklungen. Ethereum kommt laut DeFiLlama auf knapp 485.000 aktive Adressen, rund 2,7 Millionen Transaktionen und ein DEX-Handelsvolumen von 7,63 Milliarden US-Dollar in sieben Tagen. Das DEX-Volumen stieg dabei um 27,6 Prozent im Wochenvergleich.
Gleichzeitig gibt es aber auch hier einen Dämpfer: Das Volumen bei Perpetual Futures auf dem Netzwerk fiel im selben Zeitraum um 48,1 Prozent. Das bedeutet, dass die Aktivitätsdaten zwar einzelne Fortschritte zeigen, aber noch kein eindeutig bullisches Gesamtbild liefern.
Langfristig bleibt Ethereum dennoch ein zentrales Fundament des Kryptomarkts. Das Netzwerk trägt rund 150 Milliarden US-Dollar an Stablecoins, und auch tokenisierte reale Vermögenswerte spielen dort eine wichtige Rolle. Zusätzlich wurden in der ersten Woche nach dem Start von Robinhoods neuer Chain mehr als 70 Millionen US-Dollar in ETH dorthin übertragen. Das unterstreicht Ethereums Bedeutung als Abwicklungs- und Infrastruktur-Layer.
Für eine echte Trendwende reicht das nach Einschätzung von Nansen aber noch nicht. Nötig wären mehrere Wochen anhaltender ETF-Zuflüsse, weiter steigende aktive Adressen, wachsender DeFi-TVL und ein insgesamt robusterer Altcoin-Markt. Erst dann würde aus einer bloßen Angebotsverknappung eine überzeugende Kapitalrotation in Ethereum.
Für die nächsten Wochen lassen sich deshalb zwei Szenarien skizzieren: Bleiben ETF-Zuflüsse stabil und steigt ETH/BTC in den Bereich von 0,032 bis 0,035, könnte Ethereum in Richtung 2.100 bis 2.400 US-Dollar laufen. Drehen die ETF-Ströme aber wieder nach unten und fällt ETH unter die Unterstützungszone bei 1.800 bis 1.813 US-Dollar, rückt ein Rücksetzer in den Bereich von 1.500 bis 1.650 US-Dollar in den Fokus.
Unterm Strich liefert der starke Börsenabfluss zwar ein interessantes Kaufsignal. Doch solange erfahrene Trader weiter auf fallende Kurse setzen und die Nachfrage über ETFs und On-Chain-Daten nicht nachhaltig anzieht, bleibt Vorsicht angebracht. Am Ende dürfte vor allem ETH/BTC entscheiden, ob Ethereum tatsächlich vor einem stärkeren Ausbruch steht – oder ob die Skeptiker recht behalten.