Ein aktueller Tweet von WuBlockchain fasst eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen einem Partner von Dragonfly Capital und dem CEO einer großen Kryptobörse zusammen. Im Kern geht es um die Frage, welche Ursachen dem starken Marktbruch am 10. Oktober zugeschrieben werden können: eine systemische Störung, ausgelöst durch bestimmte Marktakteure und Protokolle, oder eine kurzfristige Panikreaktion auf makroökonomische Nachrichten mit isolierten Effekten bei einem Stablecoin.
Die Debatte ist relevant, weil die Zuschreibung von Verantwortung das Vertrauen der Marktteilnehmer, regulatorische Bewertungen und künftiges Verhalten von Börsen und Protokollen beeinflussen kann. Zugleich erfordert eine belastbare Schlussfolgerung detaillierte, zeitlich aufgelöste Daten über Preisbewegungen, Liquidität und Kapitalflüsse.
Dragonfly partner Haseeb rejected OKX CEO Star’s claim that the 10/10 crash was caused by Binance and Ethena, saying the timing and isolated USDe dislocation don’t support it. He argued no new evidence was presented and attributed the crash instead to tariff-driven panic, Binance… https://t.co/YUYEWRDm6n
— Wu Blockchain (@WuBlockchain) January 31, 2026
Warum die zeitliche Abfolge und eine isolierte Stablecoin-Dislokation entscheidend sind
Eine zentrale Einwendung gegen die These, spezifische Akteure hätten das Marktereignis ausgelöst, betrifft die Chronologie der Ereignisse. In Märkten mit hoher Geschwindigkeit ist die Reihenfolge von Auslösern und Reaktionen entscheidend: Erst wenn Bewegungen in einem Instrument konsistent und unmittelbar zu ähnlichen Bewegungen in anderen Instrumenten führen, spricht das für direkte Kausalketten.
Bei der hier genannten Beobachtung wird geltend gemacht, dass die Störung vornehmlich eine Abweichung bei einem bestimmten Stablecoin (USDe) zeigte und nicht unmittelbar zu synchronen, breiten Abwärtsbewegungen in allen Bereichen führte. Eine isolierte Dislokation kann auf ein internes Liquiditätsproblem, arbitragebedingte Reaktionen oder technische Störungen zurückzuführen sein, ohne dass sich daraus automatisch ein sektorweiter Schock ableiten lässt.
Praktisch bedeutet das: Um eine Verbindung zwischen einem Marktteilnehmer oder Protokoll und einem breiten Preissturz zu belegen, sind Transaktions- und Orderflow-Daten nötig, die zeitlich genau zeigen, wie Kapitalflüsse über Konten und Börsen hinweg verliefen. Fehlen solche Korrelationen, bleibt eine Behauptung über direkte Verursachung spekulativ.
Welche Beweislage würde eine Attribution stützen?
Die Debatte macht deutlich, welche Evidenz in der Kryptomarktforensik verlangt wird. Überprüfbar wären etwa off-chain- und on-chain-Transfers zu kritischen Zeitpunkten, plötzliche Abzüge von Liquiditätspools, koordinierte Orderausführungen über mehrere Börsen hinweg oder außergewöhnliche Wallet-Aktivitäten von bekannten Entitäten. Solche Muster müssten sich zeitlich vor oder simultan zum Ausverkauf zeigen, um eine kausale Rolle plausibel zu machen.
In Abwesenheit solcher Daten bleiben alternative Erklärungen offen: Margin Calls, algorithmische Liquidierungen, herabgesetzte Kreditlinien bei Market Makern oder algorithmische Reaktionen auf Nachrichten. Ein weiterer Punkt ist die Transparenz: Börsen und Protokolle veröffentlichen nicht immer in ausreichendem Umfang die nötigen Rohdaten, sodass externe Analysten Einschränkungen bei der Rekonstruktion der Ereignisabfolge haben.
Deshalb kann eine öffentliche Behauptung, die bestimmte Akteure verantwortlich macht, politisch und marktpsychologisch wirksam sein, bleibt jedoch ohne belastbare, nachvollziehbare Datenlage als These zu kennzeichnen.
Makro- und marktstrukturelle Faktoren als alternative Erklärung
Neben der Frage nach direkten Verursachern spielen makroökonomische Nachrichten und Marktstruktur eine große Rolle bei plötzlichen Kursbewegungen. Nachrichten, die zu vermehrtem Risikoabbau führen, können kurzfristig hohe Volatilität auslösen, Margin Calls hervorrufen und damit Kaskaden nach sich ziehen – selbst wenn der initiale Preisschock nur an einem Ort begann.
Solche Panikreaktionen lassen sich häufig daran erkennen, dass Liquidität aus dem Markt verschwindet, Bid-Ask-Spreads deutlich anziehen und algorithmische Risikoparameter von Handelsfirmen angepasst werden. In diesem Szenario kann eine anfänglich kleine Dislokation bei einem Stablecoin zu breit spürbaren Effekten führen, ohne dass ein externer bösartiger Akteur für den gesamten Ausverkauf verantwortlich sein muss.
Für Marktteilnehmer und Regulatoren bedeutet das, dass Diskussionen über Verantwortlichkeit und Risikominderung auf zwei Ebenen geführt werden müssen: erstens auf der Ebene der Daten- und Transparenzanforderungen, um Kausalität belastbar zu prüfen, und zweitens auf der Ebene der Marktstruktur, um Anfälligkeiten gegenüber plötzlichen Liquiditätsverschiebungen zu reduzieren.